Rad-WM : Die Pinocchio-Frage

Das Thema Doping fährt auch bei Rad-WM in Florenz mit. Der Cottbuser Tony Martin will in Italien seinen dritten Titel gewinnen.

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Auf Speed. Tony Martin zählt zu den WM-Favoriten im Einzelzeitfahren.
Auf Speed. Tony Martin zählt zu den WM-Favoriten im Einzelzeitfahren.Foto: dpa

Gülden glitzert die Kuppel des Brunelleschi-Doms in Florenz und um die Farbe Gold drehe sich dort auch die Träume des Tony Martin. Der 28-Jährige ist bei der Rad-WM, die am Sonntag mit dem Mannschaftszeitfahren der Männer und Frauen begann, der Spitzenfahrer des deutschen Aufgebots. Er konnte gleich die hohen Erwartungen bestätigen. Der Doppelweltmeister im Einzelzeitfahren wiederholte seine Goldfahrt von 2012 und führte sein Omega-Pharma-Quickstep-Team nach 57,2 Kilometern über die Ziellinie in Florenz. Das Zeitfahren mit Firmenmannschaften wurde im Vorjahr ins WM-Programm genommen. Ansonsten sind die Titelkämpfe wie immer Nationalmannschaften vorbehalten.

Der erfolgreiche Sonntag soll für Martin nur der Auftakt gewesen sein. Im für ihn so wichtigen Einzelzeitfahren hat Martin in der nacholympischen Saison mit dem früheren Dauerweltmeister Fabian Cancellara und Olympiasieger Bradley Wiggins zwei starke Konkurrenten mehr. Beide blieben im Vorjahr den Welttitelkämpfen fern. Cancellara ließ zuletzt beim Zeitfahren bei der Vuelta mit einem Sieg über Martin aufhorchen. „Das ist gut für die Moral“, sagte der Schweizer. Er setzte damit aber auch einen Weckruf für seinen Rivalen Martin. „Ja, das hat mich schon überrascht, dass er so stark gefahren ist. Das ist natürlich eine Motivation, noch einmal zwei Prozent mehr in der Vorbereitung zu geben. Ich bin nach wie vor von meinen Stärken überzeugt und jetzt überhaupt nicht eingeschüchtert“, sagt Martin.

Tony Martin ist der einzige Goldkandidat des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR). Solide Medaillenhoffnungen können sich beim Zeitfahren der Frauen noch die frühere WM-Dritte Trixie Worrack und die aktuelle deutsche Meisterin Lisa Brennauer machen.

Bei den Straßenrennen sind die Aussichten schon geringer. In der Frauenkonkurrenz führt der Weg nur über Weltmeisterin Marianne Vos aus den Niederlanden und die bei ihrem Heimauftritt besonders ambitionierten Italienerinnen. Alle Starterinnen hoffen darauf, dass – anders als bei der vor Wochenfrist ausgetragenen Toskanarundfahrt – die Straßen dieses Mal richtig abgesperrt sind. Da war eine Verfolgergruppe mitten in den Verkehr geraten und musste in vollem Tempo einem Bus ausweichen. 63 von 112 Starterinnen stiegen aus Protest aus dem Rennen aus. Wenigstens die WM sollte den Frauen, die seit Jahren über ihre Nischenexistenz im Radsport klagen, nun endlich einmal Profibedingungen bieten.

Beim Straßenrennen der Männer am nächsten Sonntag steht in den Reihen der Gastgeber Vincenzo Nibali unter Druck. Der Girosieger und aktuelle Vuelta-Zweite ist der Leader eines starken italienischen Teams. Er hat wie Tony Martin seine Saison ganz auf das Rennen in Florenz ausgerichtet. „Vincenzo hat extra die Tour ausgelassen und ist nach einer Erholungspause zur Vuelta in einer guten Verfassung, aber noch nicht in der Maximalform gefahren. Die will er jetzt aber in Florenz erreichen. Es ist doch ein Traum für jeden Italiener, hier die Landesfahne hochzuhalten“, sagte Giuseppe Martinelli, Nibalis Teamchef bei Astana.

Die härteste Gegenwehr dürfte vom spanischen Trio Alejandro Valverde, Joaquim Rodriguez und Alberto Contador kommen. In der BDR-Auswahl haben der vor allem am Ende schnelle John Degenkolb und der mit einem starken 14. Platz aus der Vuelta kommende Dominik Nerz nur Außenseiterchancen. Beim Rennen der U 23 liegen die Augen auf dem Neuprofi Rick Zabel und dem aus der Nachwuchsabteilung des Thüringer Energieteams kommenden Jasha Sütterlin. Zabel junior hat dabei hoffentlich die richtigen Konsequenzen aus der Dopingkarriere seines Vaters gezogen.

Das Thema Doping fährt auch bei diesen Weltmeisterschaften mit. Ob man die Sieger von Florenz auf eine Stufe mit der makellosen Kolossalstatue des David von Michelangelo heben kann oder sie doch eher in der Kategorie des WM-Maskottchens Pinocchio verbleiben, werden wohl nur spätere Nachtests erweisen können. Wenn die Dopingtesttechnologie irgendwann einmal auf der Höhe der aktuellen Dopingtechnologie ist. Zwar lässt das verbotene Mittel Wachstumshormon auch die Extremitäten sowie Nase und Kinn wachsen, allerdings nicht im gleichen Maße, wie es der aus Florenz stammende Kinderbuchautor Carlo Collodi seinem Geschöpf Pinocchio beim Lügenerzählen in seinen Geschichten zugeschrieben hat.

Ob die Sieger irgendwann als Pinocchios Erben gelten oder sauber fahren, lautet eine spannende Frage dieser WM.

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