Radsport : Im Visier der Alten

Der Milram-Rennstall gleicht einem inoffiziellen deutschen Radsport-Nationalteam. Doch Kapitän Linus Gerdemann hat sich mit seiner Haltung gegen Doping auch Feinde gemacht

Olaf Jansen[Dortm]
Radsport - Präsentation Team Milram
Milrams Hoffnungsträger. Linus Gerdemann (l) und Gerald Ciolek bei der Teampräsentation.Foto: dpa

Linus Gerdemann kam als Letzter. Schüchtern schlich der 26-Jährige in Wollpulli und weiten Jeans ins Dortmunder Hotel, wo sich seine Kollegen vom Team Milram schon umgezogen versammelt hatten. Der Auftritt des Mannschaftskapitäns hätte spektakulärer sein können – aber der zurzeit vermutlich beste deutsche Radrennfahrer hat in diesen Tagen Gründe, etwas defensiv aufzutreten.

Armstrong und Klöden pöbeln zurück

Seit seiner Kritik an der Rückkehr Lance Armstrongs („Armstrongs Name wird in Deutschlands Medien eben mit Doping in Verbindung gebracht“) ist der künftige Milram-Kapitän ins Visier der alteingesessenen Radgrößen geraten. „Wer zum Teufel ist Linus Gerdemann?“, pöbelte Armstrong zurück. „Ich will ihm nicht wünschen, dass er demnächst mit mir in einer Fluchtgruppe unterwegs sein wird.“ Armstrongs künftiger Helfer und Teamkollege Andreas Klöden meinte abfällig: „Was spielt sich Gerdemann als Retter des Radsports auf? Er hat doch selbst noch gar nichts geleistet.“

Gerdemann will sich nicht einschüchtern lassen. „Ich werde nach Möglichkeit auch künftig meine Meinung zum Thema Doping sagen“, sagte er bei der Teamvorstellung, gab sich sonst aber bescheiden. „Ich will mit dazu beitragen, dass wir als Team erfolgreich sind.“ Sein Teamchef Gerry van Gerwen wird deutlicher. „Mit Linus und Gerald Ciolek haben wir zwei absolute Stars im Team, für die alle anderen arbeiten werden. Ich erwarte, dass wir mindestens 25 Saisonsiege feiern.“

Fast alle italienischen Fahrer wurden durch Deutsche ersetzt

Einen „Kulturwechsel“ nennt der Teamchef den Umzug von Italien nach Deutschland. Bis auf eine Ausnahme entließ van Gerwen alle italienischen Fahrer und ersetzte sie durch deutsche. Bedienen konnte er sich in der Gerolsteiner-Konkursmasse: Mit dem Sportlichen Leiter Christian Henn wechselten acht Radprofis zu Milram. Im 25-köpfigen Kader stehen nun 17 Deutsche: neben Gerdemann und Ciolek auch die Allrounder Markus Fothen und Fabian Wegmann, Sprinter Robert Förster und der junge Kletterer Matthias Russ. Außer Klöden und Jens Voigt fahren jetzt die stärksten deutschen Profis fast alle für Milram, die Mannschaft gleicht einem deutschen Nationalteam.

Bei der Tour muss Gerdemann sich beweisen

Beim Saisonhöhepunkt Tour de France wird sich der seit Jahren als Talent gehandelte Gerdemann endgültig an Resultaten messen lassen müssen. „Kann Linus über drei Wochen das Niveau halten, mit dem er letztes Jahr die Deutschland-Tour gewonnen hat, kommt er für einen Spitzenplatz infrage“, sagt sein persönlicher Trainer Jochen Hahn. „Wir wissen allerdings nicht, wie stark die Konkurrenz sein wird.“ Hahn hofft im Kampf gegen das Doping auf die Erkenntnisse aus dem letzten Jahr: „Da wurde bei der Tour ein sportliches Niveau ähnlich dem Anfang der 90er Jahre, also vor der Epo-Zeit, erreicht. Ist das bei der nächsten Tour auch wieder so, kann man auch ungedopt ganz vorn mitfahren.“ Gerdemann selbst will sich nicht auf ein Resultat festlegen lassen. „Wenn ich mein persönliches Top-Niveau erreiche und an keinem Tag einbreche, werde ich zufrieden sein. Egal, ob ich dann am Ende Dritter oder 15. sein werde.“

Ganz so egal ist Teamsponsor Nordmilch, der im vergangenen November um ein Haar aus dem bestehenden Vertrag ausgestiegen wäre, das sportliche Abschneiden nicht. Claus Fischer, kommissarischer Nordmilch-Vorstand, sagt: „Unser Sport braucht neue Helden!“ Gleichzeitig fordert er aber weiter hartes Vorgehen gegen Dopingsünder: „Es bleibt dabei: Wer bei uns dopt, der fliegt.“ Nur unter diesen Voraussetzungen sei das Unternehmen bereit, das vertraglich fixierte Sponsoring bis Ende 2010 auch tatsächlich fortzusetzen: „Wir werden unser Engagement im Herbst einer erneuten Prüfung unterziehen und schauen, ob ein weiteres Jahr wirklich Sinn macht.“

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