Rassistische Pöbeleien : Wo der Spaß für die Eisbären-Fans aufhört

Im Stehplatzblock der Eisbären waren zuletzt nicht alle Menschen willkommen. Die Fanklubs beschäftigten sich intensiv mit dem Thema Rassismus.

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Hier wird gejubelt. Und diskutiert. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Hier wird gejubelt. Und diskutiert.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Erst waren es böse Blicke in Richtung der Neuen im Stehplatzblock. Später kam ein „Was wollt ihr denn hier?“ Schließlich gab es rassistische Beleidigungen. Es ist anscheinend nicht für jeden Menschen ein spaßiges Vergnügen, sich unter die nach eigener Sichtweise „besten Eishockeyfans der Welt“ auf die Stehtribüne der Eisbären in der Arena am Ostbahnhof zu mischen. Das erfuhr eine Gruppe von 30 Jugendlichen aus Wilmersdorf Anfang November beim Spiel der Eisbären gegen Ingolstadt.

Die Geschichte mit den 16 bis 17 Jahre alten Jugendlichen passt nicht in das Bild der friedlichen, familienfreundlichen Spaßgesellschaft, das sie bei den Eisbären gern anpreisen. Nun tobt deswegen eine heftige Diskussion unter den Anhängern, berichtet Fankoordinator Robbi Haschker. Natürlich gehe es im Fanblock rustikal zu und es werde dort auch mehr Alkohol getrunken als im Rest der Arena – aber Rassismus werde man nicht tolerieren, sagt Haschker.

Der Fankoordinator der Eisbären hatte die Jugendlichen eingeladen, weil sie im Rahmen der Schulsozialarbeit mit ihrem Musiklehrer den Eisbären einen Song gewidmet hatten. Nach den Vorfällen schrieb Haschker im Internetforum auf der Homepage des Klubs über den Vorfall auf den Stehplätzen und löste eine Diskussion aus, deren Dimensionen ihn überraschten. „Tenor aller Fanklubs war, dass man gemeinsam gegen solche Leute angehen will“, sagt Haschker. „Viele haben das Wort Zivilcourage benutzt.“

Weniger zart behandelt der „Eis-Dynamo“, größtes Fanzine der Eisbären-Fanszene, das Thema. Auf der Titelillustration rammt ein Eishockeyspieler einem Nazi-Hooligan den Stock ins Gesicht. Brachialität sei das richtige Mittel, findet Herausgeber André Haase. Er sagt: „Wehret den Anfängen.“ Aber das Publikum sei eben ein „Mikrokosmos“ der Gesellschaft. „Und Rassismus und Homophobie sind gesellschaftliche Probleme.“ Früher, im alten Wellblechpalast, sei die Fanszene bei den Eisbären übersichtlicher gewesen. Da habe es schnell auf „die Fresse“ gegeben, wenn jemand rechtsradikale Parolen geschwungen habe. Anfang der Neunzigerjahre, nachdem viele Fans vom Fußballklub BFC zu den Eisbären kamen, hatten die Eisbären mitunter Probleme mit Menschen extrem rechter Gesinnung. Das schien allerdings Geschichte zu sein.
Michael Albrecht, Mitglied des Eisbären-Fanklubs „Fanatics Ost 2002“ ist nicht überrascht von dem Vorfall mit den Jugendlichen. Albrecht ist einer der „Capos“, also ein Einpeitscher mit Megaphon im Fanblock der Eisbären. Albrecht berichtet, dass die Stehplatzfans gerade darüber streiten, ob man sich nicht von bestimmten Sprechchören trennen solle. Zum Teil haben sie sich bei den Eisbären schon einen Maulkorb verpasst. Schiedsrichterdiffamierung wie „Hängt sie auf, die schwarze Sau“ rufen die Fans nun nicht mehr. Und „Scheiß West-Berliner“, sagt Albrecht, „das geht auch nicht.“

Dass sich viele Anhänger der Eisbären empören, löse das neue Problem nicht allein, sagt Haschker. Der Fankoordinator war beim Heimspiel gegen Augsburg inkognito auf den Stehplätzen im Fankleid unterwegs, um sich ein Bild zu machen. „Jedes Drittel habe ich an einer anderen Stelle gestanden, allerdings ist mir nichts aufgefallen.“ Er hoffe nun, dass die Fanklubs mithelfen und mögliche Vorfälle und Personen melden würden – etwa beim Spiel am Sonntag in Wolfsburg (14.30 Uhr).

Und was wäre, wenn? Stadionverbote? Die hält Haschker nur für ein allerletztes Mittel. „Mit einem Stadionverbot sind die Menschen nicht aus der Welt. Wir wollen sie lieber in die Geschäftsstelle einladen und mit ihnen reden. Wichtig ist, dass sie kapieren, dass Rassismus bei uns keine Chance hat.“

Die Sache mit den Jugendlichen aus Wilmersdorf hat Haschker einrenken können. Alle 30 sind wiedergekommen und durften ihren Eisbären-Song am vergangenen Sonntag vor dem Spiel gegen Krefeld vorrappen. Der Text ist eishockey-kompatibel rustikal, im Sprechgesang heißt es: „Ihr kriegt ne Abreibung – Vollkontakt.“ Aber das bezieht sich nur auf die Gegner der Eisbären – auf dem Eis.

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