Sport : Raus aus den Dörfern

Die Deutsche Eishockey-Liga erobert nach acht Jahren die Großstädte – und begeistert so viele Fans wie noch nie

Claus Vetter

Berlin. Volle Hallen und immer häufiger sogar volle Kassen bei den Klubs? Kein Scherz, es geht um die Deutsche Eishockey- Liga (DEL). Als einzige Mannschaftssportart hinter dem Fußball hat die Liga inzwischen mit den Kölner Haien und den Hamburg Freezers zwei Klubs, die mit ihren Zuschauerzahlen im fünfstelligen Bereich liegen. Und nicht nur in Köln und Hamburg ist das Interesse am Eishockey groß: Nach 24 Spieltagen liegt der Schnitt in der DEL bei immerhin 5200 Zuschauern und damit höher als jemals zuvor.

Ein Boom, der angesichts der Historie der DEL überrascht. Denn die Liga hat seit ihrer Einführung im Jahre 1994 nicht unbedingt immer gute Schlagzeilen gemacht. Im Gegenteil. Als bei Gründung der DEL die Bundesliga der neuen Liga weichen musste, schien das Eishockey aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verschwinden. Die DEL wurde zum Tummelplatz der Namenlosen. Nach dem Bosman-Urteil kannten nur noch Stammkunden in den Stadien die zunehmend ausländischen Spieler in der Liga. Nach dem Karriereende von deutschen Stars wie Udo Kießling verlor die DEL ihr Gesicht. Nach dem Fall der Nationalmannschaft in die Zweitklassigkeit drohte das deutsche Eishockey in einer Nische zu verschwinden, die DEL ein erfolgloses Experiment zu werden.

Dass es anders kam, ist laut DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke einer „glücklichen Kettenreaktion“ zu verdanken. Da wäre die Nationalmannschaft, die seit der Weltmeisterschaft 2001 in Deutschland mit ihrem Aufwärtstrend für ein gesteigertes Interesse am deutschen Eishockey gesorgt hat. Die Mannschaft von Bundestrainer Hans Zach ist populär geworden, liegt laut Umfragen in Deutschland als Nationalteam in der Gunst des Publikums auf Platz zwei – natürlich hinter dem Fußball. Ein erstaunlicher Erfolg, der die ARD dazu bewog, zwei Freundschaftsspiele der Eishockey-Nationalmannschaft live zu übertragen – erstmals seit Mitte der Neunzigerjahre.

Für die strukturelle und finanzielle Wende in der DEL sorgten indes einige kräftige Mäzene. Allen voran Philip Anschutz: Der Milliardär aus Denver ist Eigentümer der Eisbären Berlin und des Retortenklubs Hamburg Freezers. Anschutz plant, am Berliner Ostbahnhof eine Multifunktionshalle für 16 500 Zuschauer zu errichten. Das wäre schon die sechste Großarena in der DEL. In Köln, Hamburg, Hannover und Nürnberg stehen schon neue Hallen, in Mannheim ist am 9. Dezember Grundsteinlegung für eine Arena, in der in anderthalb Jahren bis zu 14 000 Zuschauer Spiele der Adler verfolgen können.

Für Tripcke ist neben infrastrukturellen Verbesserungen in der DEL noch ein anderer Punkt am Aufschwung ausschlaggebend. „Wir haben die Lehren aus dem Bosman-Urteil gezogen“, sagt der DEL-Geschäftsführer. „Bei uns in der Liga spielen mehr Deutsche als in jeder anderen Profiliga im Lande. Dass inzwischen fünf Deutsche in der amerikanischen Profiliga NHL spielen, belegt die verbesserte Situation der deutschen Spieler.“

Freilich, für den Aufschwung musste viel Eishockey-Tradition geopfert werden. Die DEL ist keine Dorfliga mehr. Seit dieser Saison fliegen sogar in der vormaligen Eishockey-Diaspora Hamburg die Pucks. Bayerische Traditionsklubs sind hingegen in der Zweitklassigkeit verschwunden. Die Schwenninger Wild Wings sind der letzte verbliebene Kleinstadtverein, und das wohl nur noch bis zum Saisonende. Denn in der Provinz können sie mit den finanzkräftigeren Großstadtklubs nicht mehr mithalten.

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