Real Madrid : Happy End mit Herzschmerz

Mit dem Titelgewinn und stilvollem Fußball hat Real Madrids Trainer Bernd Schuster die Kritiker doch noch überzeugt.

Julia Macher[Madrid]
Schuster
Am Ziel: Real-Trainer Bernd Schuster. -Foto: AFP

Bernd Schuster hatte keine Zeit mehr, um sich für den großen Auftritt extra hübsch zu machen. Also zog er bloß schnell ein dunkles Sakko über das sektgetränkte Meister-T-Shirt, strich sich kurz durchs klatschnasse Haar und trat vor die Presse. „Unser Titel ist gerechtfertigt, weil wir die Mannschaft sind, die während der Saison am verdienstvollsten gespielt hat“, sagte Schuster ein wenig heiser nach minutenlangen „Campeones, campeones“-Sprechgesängen. Wer wissen wollte, was der Coach genau mit „verdienstvoll“ meinte, musste sich nur seine Kleidung angucken. Denn mit seiner „Außen Glamour, innen Kicker“-Kluft hatte er den Geist seines Teams auf den Punkt gebracht: Hinter dem glamourösen Namen Real Madrid steckt eine Mannschaft, die sich drei Tage vor Saisonende ihren 31. Meistertitel nicht erzaubert, sondern couragiert erarbeitet hat.

Schusters Jungs sind mehr Facharbeiter denn Genies; im Zweifelsfall ziehen sie Effektivität der Ballartistik vor und spielen auf Konter. Am Sonntag, beim Auswärtsspiel gegen den vom Abstieg bedrohten CA Osasuna, reichten ihnen vier Minuten, um das Spiel komplett zu drehen. 83 Minuten lang hatte es in Pamplona den Anschein, dass Real Madrid noch einen Spieltag auf seinen Titel warten müsse. Als Patxi Puñal dann noch die Gastgeber durch Strafstoß in Führung brachte, begannen im 400 Kilometer entfernten Madrid die städtischen Angestellten die Gerüste für die Jubelfeier bereits wieder abzubauen. Zu früh. Denn vier Minuten später glich Arjen Robben mit dem ersten Kopfballtreffer seiner Karriere aus. Kurz darauf machte der für Raul eingewechselte Gonzalo Higuain Madrid zum Meister – ausgerechnet der Mann, der vor dem gegnerischen Tor so oft vom Lampenfieber übermannt worden war.

Das Tor des 20-jährigen Argentiniers gab dem Match eine Herzschmerz-Note; für die Dramatik hatten strömender Regen, gellende Pfiffe von den Rängen und ein Platzverweis für Cannavaro gesorgt, der die Madrider während der gesamten zweiten Halbzeit in Unterzahl ließ. „Es war wie in einem Hollywood-Film, in dem man kämpfen und leiden muss, um zu gewinnen“, bekannte Schuster nach der temporeichen, aber wenig virtuosen Partie.

Einer Mannschaft, die abgesehen vom ersten Spieltag während der gesamten Saison die Tabelle anführte, mangelnde Kunstfertigkeit vorzuwerfen, ist weniger absurd, als es klingt. Denn als der Deutsche im Juni 2007 in die Fußstapfen des geschassten Trainers Fabio Capello trat, präsentierte Ramon Calderon ihn als den Mann, der den Königlichen die Schönheit zurückgeben sollte. „Madrid will nicht nur stolz auf seine Titel sein, sondern auch auf seinen Stil“, sagte der Präsident damals. Knapp ein Jahr später zeichnet sich ab, was dieser Stil sein könnte: Schuster vertraut mehr auf das Ensemble als auf Einzelartisten. Er hat die Defensivlinie nach vorne verlegt und lässt schneller und offensiver spielen. Das Team hat bereits jetzt sieben Tore mehr erzielt als Capellos Elf bei Saisonende. Nur wenige Gourmets der Ballkritik murren, die Zackzackspielweise des knurrigen Deutschen lasse zu wenig Raum für Kreativität.

Den Zehntausenden, die am frühen Montag Morgen jubelten, als Kapitän Raul beim Triumphzug durch Madrid der Göttin Kybele den Vereinsschal umlegte, ist das ebenso schnuppe wie dem Präsidenten. „Diese Mannschaft zu sehen, ist eine Wonne“, schwärmte Calderon, „ich hatte immer großes Vertrauen in Bernardo.“ Aus seinen ästhetischen Maßstäben macht der prestigebewusste Chef der Weißen kein Hehl: Nichts macht schöner als Erfolg, und das passende Bild dazu wird ihm das „Clasico“ am Mittwoch liefern. Denn dann empfängt Real Madrid mit dem FC Barcelona eben jenen Verein, der in Sachen Schönheit lange als Maß aller Dinge galt und virtuos zugrunde ging. In Spanien steht man dem Champion traditionell Spalier, und so werden Rijkaards melancholisch gewordene Ballartisten Schusters Jungs applaudieren. Danach laufen sie gemeinsam zum großen Klassiker auf, bei dem es nur noch um Fragen des Stils gehen wird.

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