Sport : Reiten am Rand

Die deutschen Dressurreiter sind überaus erfolgreich – doch außer Isabell Werth gibt es keine Stars

Ingo Wolff

Von Ingo Wolff

Berlin. Vor den Olympischen Spielen in Sydney vor zwei Jahren sind Passanten im Ruhrgebiet mal gefragt worden, welche Sportler denn für Deutschland teilnehmen werden. Für die Dressur hat ein Großteil dann spontan geantwortet: Nicole Uphoff. Dumm nur, dass die Dressurreiterin schon vier Jahre zuvor in Atlanta nicht mehr gestartet war. Auf ihre Nachfolgerin Isabell Werth sind nicht so viele Leute gekommen. Dabei ist die 33-Jährige nach ihren Erfolgen und einem Engagement als Werbemodell inzwischen das bekannteste Gesicht in der Dressur. Doch an ihre namhafte Vorgängerin Uphoff reicht sie noch nicht heran.

Nach Uphoffs Abschied von den großen Turnieren reiten die deutschen Dressursportler eher am Rand. Isabell Werth hat dafür eine einfache Erklärung: „Es fehlt der Aha-Effekt wie im Tennis oder in der Formel 1, wo plötzlich große Namen auftauchen.“ Selbst viele Sportinteressierte können mit den aktuell wichtigen Namen im Dressurreiten – abgesehen von Werth – nicht viel anfangen. „Ich würde mich nicht wundern, wenn die Leute bei einer Umfrage Rainer Klimke oder Joseph Neckermann nennen", sagt Holger Schmezer, der Bundestrainer für die Dressur. Der gebannte Blick des Publikums auf die einstigen Stars ist das Dilemma für die Dressur. Es fehlen die neuen Stars. Ganz anders ist das in Holland. „Dort hat Anky van Grunsven mit ihrem Olympiasieg einen Boom ausgelöst", sagt Werth. In Deutschland ist van Grunsven kaum bekannt. Und die Damen und Herren der deutsche Equipe sind nicht so charismatisch wie etwa die Springreiter Ludger Beerbaum und Rodrigo Pessoa. „Die Springreiter sind viel professioneller", sagt Werth. Sie möchte zwar ihre deutschen Mitstreiterinnen nicht persönlich angreifen, glaubt aber, „da wäre mehr Engagement gefragt".

Warum ist die Dressur den Deutschen solch ein Geheimnis? Vielleicht liegt das auch am Erfolg. Sowohl bei den Weltmeisterschaften als auch bei Olympischen Spielen gilt Deutschland als Abonnent für Teamgold, und auch im Einzel sind nicht selten alle drei Plätze von Deutschen besetzt. Allein Isabell Werth gewann mit Gigolo viermal eine olympische Goldmedaille. Das macht die Wettbewerbe nicht gerade spannend.

Es gibt noch ein Problem: Die Dressur steht neben vielen Medaillen auch für lautstarke Streitereien zwischen den Aktiven. Da bei der Dressur neben aller Objektivität der Preisrichter auch immer Subjektivität eine Rolle spielt, sind die Platzierungen oft umstritten. Das führt bei einigen Reiterinnen zu Missgunst. „Es gibt zu viel Unfrieden in der Dressur“, sagt Madeleine Winter-Schulten.

Die Streitereien, die zuletzt auch den Verband erfasst und zu Rücktritten geführt haben, sind wenig hilfreich. Hinzu kommt, dass die Top-Reiterinnen selten aufeinander treffen. Sie meiden sich gegenseitig bei den wichtigen Turnieren, besonders vor den großen Championaten. „Nadine Capellmann reitet nur wenige Turniere“, sagt Bundestrainer Schmezer. Doch jedes Turnier braucht Stars. Und da die Olympiasiegerin van Grunsven derzeit nicht in Form ist, hatten die Veranstalter des CHI Berlin für die heutige Weltcup-Prüfung auf den Start von Isabell Werth gehofft. Doch zwei Tage vor dem Turnierbeginn musste die Olympiasiegerin absagen. Isabell Werth ist nach ihrer schweren Verletzung nicht wieder fit. Beim Training im Wald hatte sich ihr Pferd Apache erschrocken, war ausgerutscht und dabei auf die Reiterin gefallen. Dieser Sturz war so unglücklich, dass sich Isabell Werth einen Bruch des Schienbeinköpfchens zuzog. Seit Wochen ist die Reiterin nicht einsatzbereit.

Doch die bekannteste deutsche Dressurreiterin ist ehrgeizig. Sie möchte wieder im Sattel sitzen, auch wenn sie damit noch Probleme hat. „Wahrscheinlich dauert es noch bis Mitte Dezember“, sagt Werth. Sie ist nach Berlin gekommen, um die junge Konkurrenz zu beobachten. Die hat es bei Abwesenheit der großen Namen leichter, Punkte für das Weltcupfinale zu sammeln. Denn neben Werth und Capellmann fehlt auch Ulla Salzgeber. Die Weltranglistenerste hat ein Trainingslager in Australien dem CHI Berlin vorgezogen – ebenso wie 17 weitere Reiterinnen und Reiter.

Das gesamte deutsche Weltmeisterteam ist nicht in Berlin. Sowohl Preisgeld als auch Weltcup-Punkte konnten die Reiterinnen nicht locken. Da viele Reiterinnen ohnehin aus wohlhabenden Verhältnissen stammen, sind sie auf die Preisgelder nicht unbedingt angewiesen. Hauptgrund ist allerdings auch, dass Berlin – wie bei den Springreitern – zuletzt nicht den besten Ruf hatte. „Die guten neuen Bedingungen hier müssen sich erst noch rumsprechen", sagt Schmezer. Isabell Werth wird das sicher tun, denn anders als alle anderen Reiterinnen macht sie sich persönlich ein Bild vom neuen CHI.

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