REIZ DER RANGLISTEN : Wie vergleicht man Fußballspieler?

Wer Franz Beckenbauer nach einem Vergleich des Erfolgsfußballs der siebziger Jahre mit dem von heute fragt, bekommt zur Antwort: „Gemütlicher war’s halt.“ Dem Tempo und der Ausdauer, mit dem vor allem Bayern oder Dortmunder ihre Gegner über den Platz hetzen, wäre kaum einer der frühen Bundesliga-Stars gewachsen. Fernsehbilder etwa vom „Jahrhundertspiel“ Deutschland gegen Italien bei der WM 1970 wirken heute, als würden sie in Zeitlupe gesendet. Neue Trainingslehren, medizinische Rundumbetreuung, Ernährungswissenschaft und Leistungsdiagnostik sowie perfektionierte Spielsysteme haben den Fußball verändert. Das Pressing in einem dicht bevölkerten Mittelfeld, Balleroberung und schnelles Umschaltspiel fordern hohe Laufbereitschaft. Außenverteidiger sind zugleich auch Außenstürmer und umgekehrt, selbst der Sturmspitze wird Defensivarbeit abverlangt. Uwe Seeler oder Gerd Müller hätten den Trainer verständnislos angeschaut, wenn er ihnen mit dieser Idee gekommen wäre.

Sind Spieler aus verschiedenen Epochen in ihren Leistungen miteinander vergleichbar? Seeler und Müller mit Robert Lewandowski oder Günter Netzer mit Bastian Schweinsteiger? Für Jupp Heynckes auf jeden Fall: „Wenn Franz Beckenbauer nach heutigen Anforderungen trainiert und betreut würde, wäre er selbstverständlich der große Fußballer wie früher.“ Die individuelle Klasse eines Spielers sei zeitlos.

Heynckes und die Sportredaktion des Tagesspiegels haben aus 50 Jahren Bundesliga 275 Spieler ausgewählt. Aus ihren Vorschlägen erstellt eine Expertenjury Ranglisten mit den jeweils elf Besten für jede Position, vom Torwart bis zur linken Außenbahn. Dazu eine Rangliste mit den elf besten Trainern der Bundesliga-Geschichte.

Kriterium für eine Nominierung war allein die Leistung in der Bundesliga. Deshalb fehlen zum Beispiel Horst Szymaniak, Karl-Heinz Schnellinger, Oliver Bierhoff oder Kevin-Prince Boateng. Szymaniak (Tasmania 1900) und Schnellinger (Tennis Borussia) waren bei den kurzen Gastspielen längst über ihren Zenit hinaus, Bierhoff und Boateng schafften erst im Ausland den Durchbruch.

Dass derartige Ranglisten Widerspruch provozieren, ist wohl unvermeidbar. Aber man kann sie als reizvolle Spielerei nehmen. Und als kleine Verbeugung vor Fußballern und ihrer faszinierenden Spielweise. Kurt Röttgen

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