Sport : Reserve hat Ruh

Gerhard Mayer-Vorfelder ist nicht mehr DFB-Präsident

Stefan Hermanns[Frankfurt am Main]

So sieht echte Zuneigung aus. Theo Zwanziger, der Geschäftsführende Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), drückt seinen Vorgänger im Amt. Er hat den rechten Arm um seine Schulter gelegt, drückt ihn wieder und wieder, schaut vom Podium herab, lächelnd in die Runde, wo die Fotografen stehen. Ein schönes Bild: Theo Zwanziger und Egidius Braun, der Ehrenpräsident des DFB. Zwanziger umarmt zur Begrüßung auch Gerhard Mayer-Vorfelder, mit dem er sich knapp zwei Jahre lang das Amt des DFB-Präsidenten geteilt hat. Er tut es kurz, ein wenig geschäftsmäßig. Echte Zuneigung sieht anders aus.

Der Saal der Frankfurter Messe, in dem bei einem außerordentlichen Bundestag des DFB die Amtszeit Mayer-Vorfelders als Präsident endet, heißt „Harmonie“. Eine schöne Schlusspointe. Mayer-Vorfelder ist früh gekommen und hat sich gleich in den Saal aufs Podium begeben, fernab vom Rest der Delegiertenwelt. Zum letzten Mal sitzt er hier oben. Vorerst jedenfalls. Vielleicht kommt Mayer-Vorfelder im nächsten Jahr zurück – als Ehrenpräsident. „Eine angemessene Ehrung“ hat Zwanziger dem Scheidenden in Aussicht gestellt, sobald er seinen Platz in der Exekutive des Weltverbandes Fifa geräumt hat. Franz Beckenbauer soll nach dem Willen des DFB-Präsidiums in diesem Gremium sein Nachfolger werden. „So langsam hat man mich überzeugt“, sagt Beckenbauer.

In den internationalen Verbänden darf Mayer-Vorfelder noch ein bisschen weiter funktionieren, sein Abschied aus den Ämtern wird sich noch über mehrere Etappen hinziehen, aber dieser in Frankfurt ist ohne Frage der bedeutendste Abschied. Der DFB war die Basis, von der aus MV operiert hat. Und jetzt? Mit 73 steht er vor den Problemen eines gewöhnlichen Rentners: „Man muss mal sehen, was man mit seiner Freizeit anfängt“, sagt Mayer-Vorfelder. Pläne? „Ich habe mir noch nichts überlegt. Mit 73 brauche ich keine neue Lebensplanung.“ Theo Zwanziger wünscht ihm, „dass in absehbarer Zeit noch ein paar Enkelkinder dazukommen“.

38 Jahre lang hat Mayer-Vorfelder als Funktionär im deutschen Fußball gewirkt, davon sechs an höchster Stelle des DFB, anfangs als Vertreter des erkrankten Egidius Braun, am Ende mit halber Macht an der Seite von Theo Zwanziger. Und jetzt also „der letzte Bundestag, an dem ich in aktiver Mission teilnehme“. Mission beendet. Mayer-Vorfelder, Oberleutnant der Reserve, hat am liebsten in militärischen Metaphern gesprochen. Er war an der Front oder im Schützengraben, und um ihn schlugen Beschimpfungen und Beleidigungen ein wie Pfeile oder Artilleriegeschosse. Bei jedem Länderspiel, wenn ihnen gerade nichts Besseres einfiel, haben die deutschen Fans „Vorfelder raus!“ gerufen, und am Mittwoch in San Marino, bei seiner letzten offiziellen Reise mit der Nationalmannschaft, haben sie endlich triumphieren können. „Nie wieder MV“, sangen sie. Mission beendet.

Die Feindschaft des Publikums – Mayer-Vorfelder hat sich längst mit ihr arrangiert, er hat mit ihr kokettiert, und manchmal hat er sie sogar als Auszeichnung empfunden. In Frankfurt trägt er das Bundesverdienstkreuz am Revers, dazu eine edelmetallene DFB-Nadel. Als Präsident hat er das Recht der ersten Rede. Mayer-Vorfelder setzt die Lesebrille nur sekundenweise auf, um einen Blick auf seine Notizen zu werfen. Er weiß auch so, wovon er spricht: von der erfolgreichen Strukturreform des Verbandes, der erfolgreichen Nachwuchsförderung und der erfolgreichen Nationalmannschaft. So hat er es immer gehalten. Er zitiert noch einmal die alten Griechen und freut sich, dass die Deutschen bei der WM zu einem „unverkrampften Umgang mit den nationalen Symbolen“ gefunden haben. Als er in den Achtzigerjahren Kultusminister von Baden-Württemberg war, hat er noch vergeblich versucht, den Schülern das unverkrampfte Singen der Nationalhymne zu verordnen.

Man spürt nur zwischen den Zeilen, dass sich Mayer-Vorfelder manchmal unverstanden gefühlt hat. Fast nebenbei erzählt er von Ottmar Hitzfeld, den er vor zwei Jahren schon als Nachfolger für Rudi Völler engagiert hatte, ehe Hitzfeld dann aus privaten Gründen abgesagt habe. Wer weiß, wie die Geschichte sonst verlaufen wäre? Ohne das Chaos bei der Suche nach einem Bundestrainer hätte es die Doppelspitze beim DFB vielleicht nie gegeben. Aber Mayer-Vorfelder will sich nicht mehr rechtfertigen, er will auch keine rührselige Abschiedsrede halten. Seine Gefühle hat er unter Kontrolle, nur „ein Stück Wehmut“ sei dabei, „aber man hat sich ja seit längerer Zeit darauf eingerichtet“. Seine Stimme hat etwas Weinerliches. Manchmal bricht sie einfach weg. Aber so hat er immer geredet, in guten Nächten wie an schlechten Vormittagen. Man sollte aus dem Tonfall nichts herauslesen, was nicht in ihm steckt. Nur am Ende seiner Rede, als es ein bisschen persönlich wird, gerät Mayer-Vorfelder ins Stocken, schlägt sich seine Stimmung in der Stimme nieder. „Es war eine schöne Zeit“, sagt er, „es war eine gute Zeit.“ Als er sich wieder gefangen hat, äußert er noch einmal seine Enttäuschung darüber, dass er vor zwei Jahren gestürzt werden sollte. Der Putsch endete mit der Halbierung seiner Macht und mit der Verdopplung der Präsidenten an der Spitze des DFB. „Eine ganz ersprießliche Zusammenarbeit“ habe diese Doppelspitze gebracht. Doch damit ist es jetzt vorbei.

Die doppelte Amtszeit endet unter Tagesordnungspunkt 4, gemäß Paragraf 59a der DFB-Satzung. Für Mayer-Vorfelder ist es ein endgültiger Abschied, für Zwanziger geht sie alleine weiter. „Ich werde nun gehen und euch verlassen“, sagt er. „Aber ich werde unter euch sein.“ Mit dem Herzen, ergänzt er, damit niemand auf falsche Gedanken kommt. Gemeinsam mit Zwanziger tritt er vor der Wahl des neuen Präsidenten vom Podium herab. Mayer-Vorfelder setzt sich neben seine Frau in die erste Reihe. Mitwählen darf er nicht mehr.

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