Sport : Revanche ein Jahr danach

Warum es für Handball-Weltmeister Deutschland bei der EM in Norwegen keine leichten Gegner gibt

Hartmut Moheit

Berlin - Erst bekam Holger Glandorf einen Schlag ins Gesicht und dann auch noch Kapitän Markus Baur. Dass es im Oktober beim Spiel um den Handball-Supercup zwischen Weltmeister Deutschland und Vize-Champion Polen nicht zu einer handfesten Schlägerei kam, war im westfälischen Halle wohl der Besonnenheit der deutschen Spieler zu verdanken, die sich nicht provozieren ließen. Diese Ereignisse, die zudem das einstmals recht gute Verhältnis zwischen Bundestrainer Heiner Brand und seinem Kollegen Bogdan Wenta schwer erschütterten, kamen nicht von ungefähr. Sie waren eine Folge der WM in Deutschland – zehn Monate danach. Im Finale hatte sich die polnische Mannschaft, allen voran Wenta, massiv über die Bevorteilung der Deutschen beschwert. Offensichtlich war sein Team beim Supercup etwas übermotiviert auf eine Revanche aus gewesen. Herbe Kritik hatte der WM-Gastgeber aber auch von den Franzosen oder Spaniern einstecken müssen. Der Weltmeister wird sie nunmehr alle bei der EM in Norwegen wiedertreffen.

Als Weltmeister werden Brand und sein Team die von allen Gejagten sein. Die ersten zehn WM-Plätze waren schließlich von europäischen Teams belegt worden. Bereits die Vorrundenspiele der Gruppe C in Bergen gegen Weißrussland am Donnerstag, am Samstag gegen den Olympia-Vierten Ungarn und am Tag darauf gegen den Weltmeister-Vorgänger Spanien werden zur harten Kraftprobe. Mindestens Dritter muss das DHB-Team werden, um sich für die Hauptrunde ab 22. Januar in Trondheim zu qualifizieren. Dort warten mit den drei besten Teams der Gruppe D die nächsten hohen Hürden: Neben Außenseiter Slowakei spielen in dieser Staffel Titelverteidiger Frankreich, Rekord-Europameister Schweden und die starken Isländer.

Nur einen Vorteil gibt es gegenüber der WM: Heiner Brand muss diesmal personell keine Ausfälle kompensieren. „Ich bin nicht unglücklich darüber, auch wenn es ungewohnt ist. Aber es ist mir lieber, wenn ich die Qual der Wahl habe“, bekannte Brand. Dennoch hält er sich einige Optionen offen: Mit 18 Spielern ist er nach Bergen gereist, von denen er maximal 16 am Tag vor EM-Beginn offiziell melden muss. Nach der Vorrunde könnten maximal zwei, nach der Hauptrunde noch einmal ein Spieler ausgetauscht werden. All das unterstreicht die Ernsthaftigkeit, mit der Weltmeister Deutschland in das EM-Turnier startet. Dass der eigentliche Jahreshöhepunkt für alle die Olympischen Spiele in Peking sind, wird erst einmal bewusst in den Hintergrund gerückt. „Wir können es uns nicht leisten, ein Turnier als Übergangsturnier anzusehen. Wir haben einen Stolz und eine Verantwortung für den deutschen Handball. Und schließlich wollen alle zu Olympia, es können aber nur 14 Spieler mit. Das ist Motivation genug“, erklärte Brand im EM-Vorbereitungscamp an der Ostsee.

Etwas andere Töne sind aus dem Lager der Kroaten zu hören, dem WM-Gastgeber 2009. Nationaltrainer Lino Cervar verzichtet lieber auf seinen Spielmacher Ivano Balic, den besten Handballer der Welt, der sich eine Bauchmuskelverletzung zugezogen hat, als dessen Olympiaauftritt in Gefahr zu bringen. „Unser Hauptziel sind die Olympischen Spiele. Dafür gehen wir mit Balic kein Risiko ein“, sagte Cervar und kündigte an: „Erst in Peking werden wir unser höchstes Level erreichen.“ Aber, das wollen sie alle. Auch die Deutschen, die sich gegen schwere Gegner dafür wappnen müssen.

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