Sport : Revanche für Köln

Bei der WM fühlten sich Frankreichs Handballer betrogen, heute spielen sie wieder gegen Deutschland

Erik Eggers[Trondheim]

Diese eine Szene ist noch in den Köpfen geblieben. Dieser eine Pfiff, der nach Meinung der französischen Handballer die Weltmeisterschaft entschieden hat: Dass die beiden schwedischen Schiedsrichter Hakansson und Nilsson am 1. Februar 2007 das Tor des französischen Flügelspielers Michael Guigou in der 80. Minute des dramatischen WM-Halbfinales, also in der zweiten Verlängerung, nicht anerkannten und der Titeltraum nach der 31:32-Niederlage gegen den Gastgeber Deutschland ausgeträumt war, ist in der Erinnerung des französischen Teammitglieder noch überaus präsent. „Wir haben das nicht vergessen“, sagt Daniel Narcisse, der 28 Jahre alte Rückraumstar der Franzosen. „Wir sind betrogen worden“, fluchte damals Mannschaftskollege Nikola Karabatic. Den Franzosen geht es im heutigen Duell in Trondheim mit Deutschland (18 Uhr live in der ARD) daher nicht allein um den Halbfinaleinzug bei der Europameisterschaft. Es geht ihnen auch um sportliche Vergeltung für den „verfluchten Donnerstag“, wie ihn Frankreichs Coach Claude Onesta nennt. Um Revanche für Köln.

Onesta erschien damals nicht zur obligatorischen Pressekonferenz und verbreitete stattdessen wüste Verschwörungstheorien. Nicht sportliche Leistungen hätten die WM entschieden, zeterte Onesta gegenüber französischen Medien, sondern dunkle Mächte bei der Internationalen Handball-Föderation (IHF). Die „schwache Schiedsrichterleistung“ sei „irgendwie programmiert“ gewesen, fluchte Onesta gegenüber der Sportzeitung „L’Equipe“. „Das hat mich nicht überrascht. Alle Welt weiß, dass die Deutschen die Fäden beim internationalen Verband ziehen“, klagte er weiter. „Sie diktieren ihre Gesetze. Sie setzen ihre Sicht durch. Es ist eine Mafia. Unten, ganz unten, kommen die Mannschaften, die Spieler, die die Hauptakteure sein müssten, die man aber auf eine Komparsenrolle beschränkt. Der Handball ist fast ein politischer Gegenstand geworden und es gibt keinen Grund, warum diese Scheiße nicht weitergehen sollte.“ Genauere Details verriet Onesta freilich nicht. Seine Kritik blieb indes in einem Punkt nicht ohne Wirkung: Die beiden schwedischen Schiedsrichter sind nach dem Kölner WM-Halbfinale von der Bildfläche verschwunden, zumindest sind sie international nicht mehr eingesetzt worden. „Man kann sie im Moment nicht vorzeigen“, erklärte Christer Ahl, der IHF-Schiedsrichterchef, am Rande der Frauen-WM im Dezember.

Bundestrainer Heiner Brand hat sich fest vorgenommen, diese brisante Vorgeschichte zu ignorieren. „Das ist eine Sache, die mich nicht weiter beschäftigt. Wir gehen das Spiel wie immer an“, erklärt der 55-Jährige. Den Auftritt Onestas, der zudem während der deutschen WM eine schlechte Organisation beklagte, hat Brand freilich nicht vergessen. „Als Trainer hätte ich mich gefragt, wie es möglich ist, mit einer solchen Mannschaft, die vorher als unschlagbar galt, viermal zu verlieren“, stichelt er und findet den Auftritt Onestas „im Nachhinein noch unverständlicher“. Über das abgepfiffene Tor am Ende der zweiten Verlängerung hätte er sich „auch aufgeregt“, räumt der Bundestrainer mit dem Abstand eines Jahres ein. „Aber eine Analyse des ganzen Spiels zeigt, dass wir nicht bevorteilt wurden.“ Darüber, dass Torwart Thierry Omeyer nach einem Foul an Florian Kehrmann „die Rote Karte hätte kriegen müssen, spricht heute keiner mehr“. Für den Gummersbacher ist Onesta ein schlechter Verlierer: „Ich sehe das als relativ unfaire Haltung an.“

Genauso wenig Verständnis für die rhetorischen Ausfälle des französischen Trainers zeigt Markus Baur: „Wir haben oft genug so verloren, und wir haben dann nicht diskutiert, sondern gratuliert“, sagt der deutsche Kapitän. „Das ist eine Art Respekt, mit dem man sich gegenüber stehen sollte. Diesen Respekt hat der französischen Trainer vermissen lassen.“ Baur betrachtet Onestas Beschuldigungen vor allem als ein taktisches Manöver. Onesta wolle so nur ablenken von seinen eigenen Fehlern beim Coachen.

„Wir sind auf der einen Seite froh, dass wir Weltmeister geworden sind“, sagt Baur, der gestern seinen 37. Geburtstag feierte, mit süffisantem Ton, „auf der anderen Seite sind wir froh, dass er weiterhin Trainer ist“. Auch für die deutschen Handballer wäre, keine Frage, ein neuerlicher Triumph gegen die eigentlich übermächtigen Franzosen, die fünf Bundesliga-Legionäre in ihren Reihen haben, allein unter diesem Aspekt bereits mit besonderer Genugtuung verbunden. Zuvor war gestern Island der nächste EM-Gegner. Das Spiel war bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht beendet.

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