Sport : Revolution on ice

Die Deutschen Eiskunstlaufmeisterschaften in Berlin sollen für die Zuschauer attraktiver werden – für die Funktionäre ein Kulturschock

Frank Bachner

Berlin. Natalie aus Hövelhof bei Paderborn hat für den Wettkampf geworben, das ist natürlich schon mal eine Nachricht. Die Natalie, die Sängerin. Die Natalie, die den offiziellen Song zur Skisprung-Saison 2000/ 2001 trällern durfte, im Auftrag des Deutschen Skiverbands, dauerhaft gesendet von RTL. Natalie wollte auch mal Deutschland beim Grand-Prix d’Eurovision vertreten, das hat dann aber doch nicht ganz geklappt. Natalie hat also vor kurzem „Dreams on Ice“ gesungen, bei der ARD-Eiskunstlaufgala in Frankfurt. Das Lied sollte die Zuschauer auch einstimmen auf einen Termin im Berliner Erika-Hess-Stadion. Natalie hat alles gegeben. Es war trotzdem zu wenig. Nur weil Natalie aus Hövelhof gesungen hat, wird die Halle nicht voll bei den deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaften, die heute beginnen. „Wenn wir die Halle zur Hälfte füllen können, ist das schon ein Erfolg“, sagt Reinhard Mirmseker mit leicht resigniertem Tonfall. Mirmseker ist Präsident der Deutschen Eislauf-Union (DEU), er ist der Organisationschef der Meisterschaften. Er ist quasi verantwortlich für Natalies Einsatz.

Eine halb volle Halle, mehr ist nicht drin. Aber Natalie war wenigstens ein Anfang. „Wir müssen doch die Meisterschaften irgendwie attraktiver machen“, sagt Mirmseker. Ihn graust es immer noch, wenn er nur an die jüngsten Titelkämpfe denkt, die von 2003 in Oberstdorf. „Da musste man 30 Damen zuschauen, um mitzubekommen, wer Deutsche Meisterin wird.“ Annette Dytrt wurde es zum Schluss, aber vermutlich sind vorher einige Zuschauer weggedöst. „Wir haben doch die Meisterschaften seit 100 Jahren nicht geändert“, sagt Mirmseker.

Also haben sie sich jetzt etwas Besonderes ausgedacht bei der DEU. Genauer gesagt, Mirmseker hat sich etwas ausgedacht und dann Nachhilfeunterricht in Sachen Traditionsbewusstsein erhalten. „Lasst uns doch die jeweils sechs besten Damen und Herren und Paare in Blöcken laufen“, sagte er den Funktionären der Landesverbände. „Dann sieht man die besten Leute innerhalb kurzer Zeit, der Wettkampf ist nicht so gähnend langweilig, und das Fernsehen ist auch zufrieden.“ Klingt für Außenstehende vernünftig, für die Traditionalisten der Szene aber hörte sich das an, als hätte der DEU-Chef gefordert, die Kampfrichter müssten in kurzen Hosen werten. „Es ist kaum zu glauben, aber wir haben neun Monate benötigt, um diese Änderungen durchzusetzen“, sagt Mirmseker.

Und so müssen sich jetzt in einem Art Vorprogramm die Athleten und Paare für das Finale der besten sechs qualifizieren. Das macht die Vorprogramme nicht spannender, aber dafür die Wettbewerbe am Sonnabend und am Sonntag, wenn die Besten laufen. Die ARD wird, so ist es geplant, an beiden Tagen live übertragen. „Sensationell“, sagt Mirmseker. Es ist erst ein paar Monate her, dass er von den Fernsehleuten gehört hatte: „Die deutschen Meisterschaften sind doch langweilig.“

Sportlich gesehen hat sich das nur teilweise geändert. Im Eistanz verlieren Kati Winkler und René Lohse nur, wenn sie ihre Schlittschuhe verlegt haben und nicht mehr rechtzeitig Ersatz auftreiben. Bei den Herren wenigstens wird es zu einem Dreikampf kommen zwischen dem staatenlosen Andrejs Vlascenko, dem Erfurter Stefan Lindemann und Titelverteidiger Silvio Smalun aus Oberstdorf. Bei den Frauen versucht die Berlinerin Caroline Gülke nach langer Verletzungszeit der Titelverteidigerin Annette Dytrt ein hartes Duell zu liefern. Und bei den Paaren wird es zu einem Dreikampf kommen. Allerdings ist nur eines dieser drei Paare überhaupt für die Europameisterschaft in Budapest und die Weltmeisterschaft im März in Dortmund startberechtigt: Eva-Maria Fitze und Rico Rex, die Titelverteidiger aus Chemnitz. Mikkeline Kiergaard, die mit dem Berliner Norman Jeschke läuft, hat noch keine Freigabe vom dänischen Verband. Und Aljoscha Sawtschenko, die mit ihrem Partner Robin Szolkowy in Chemnitz trainiert, wartet noch auf die Freigabe von den ukrainischen Funktionären. Doch eine Vorausscheidung wird es bei den Paaren wegen geringer Beteiligung kaum geben.

Mirmseker geht über diesen Punkt ziemlich schnell hinweg. Das kann man verstehen. Schließlich sind Titelkämpfe natürlich auch eine Standortbestimmung für die WM. Wie wird sich die DEU in Dortmund präsentieren? Bescheiden, das lässt sich jetzt schon sagen. Es fehlen die Medaillenkandidaten und internationalen Größen. In den Kategorien Herren, Damen, Paarlauf und Eistanz hat Deutschland jeweils nur einen WM-Startplatz. „Die WM findet in Deutschland statt, ich denke, wir werden da alle Plätze besetzen“, sagt Mirmseker. Bei der WM können höchstens Winkler/Lohse in der Spitzengruppe mitmischen.

Aber erst mal müssen sich die Athleten bei der Europameisterschaft in Budapest für die WM qualifizieren. Und darin liegt die Chance der Läufer, die in Berlin patzen. Sollte jemand seinen EM-Auftritt in den Sand setzen, gibt es eine nationale WM-Qualifikation. Und dann dürfen die Athleten laufen, die in Berlin nicht gewonnen hatten. Vorausgesetzt natürlich, sie haben gewisse sportliche Kriterien erfüllt.

Natalie, die Sängerin, muss das alles nicht kümmern. Und wenn in Berlin die Halle nur halb voll wird, dann kann ihr das egal sein. Sie hat ja auch fürs Skispringen geworben. Dort sind die Zuschauerränge voll.

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