Sport : Rheinland einig Vaterland

Was der Politik schwer fällt, schafft die Bewerbung um Olympia 2012 – eine ganze Region steht zusammen

Robert Ide

Düsseldorf. Horst Melzer steht vor der Messehalle und rockt. Seine rechte Hand hängt in der Luft und hält die imaginäre Gitarre fest, seine linke schwingt auf und nieder. „Rock ’n’ Roll Music“, singt er, „Rock ’n’ Roll Music“. Melzer schließt die Augen. Vor sich sieht er die Beatles auf der Bühne, Schlagzeuger Ringo Star trommelt im gleißenden Lichtkegel. Auf den Tribünen der Essener Grugahalle fallen Mädchen in Ohnmacht. Und 14-jährige Jungen, die sich 50 Mark für eine Karte geliehen haben, tanzen und schreien. So wie Horst Melzer.

Die Zeiten in Essen haben sich geändert. Melzer öffnet die Augen. Vor sich sieht er einen steinernen Vorplatz, über den der Wind den Sand treibt, und eine Halle, dessen Parkett grau geworden ist. Melzer geht hinein und zupft sein Jackett zurecht. Er ist jetzt Olympiabeauftragter von Essen, er ist jetzt einer von denen, die die Spiele 2012 unter Führung von Düsseldorf ins Rheinland holen sollen. Melzer blickt über die Holzstühle hinweg an die Decke, an der alte Neonleuchten hängen. „Wenn hier olympisches Tischtennis stattfinden soll, brauchen wir noch bunte Vorhänge“, sagt Melzer. Aber das sei kein Problem. „Aus Messehallen kann man alles machen.“ Hallen für Fechter, Hallen für Badmintonspieler, Trainingshallen. Und wenn ein Schwimmstadion gebraucht wird, stellt man es in den Park nebenan. Alles ganz einfach. Hinter Melzer hängt ein Plakat an der Hallenwand. Darauf ist ein Mann zu sehen mit Blumen in der Hand. Darunter steht der Werbespruch: „Lasst Messen sprechen.“

Peer Steinbrück sitzt in seinem gläsernen Büro über Düsseldorf. „Nordrhein-Westfalen ist ein regionales Schwergewicht“, sagt der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. „In unserem Einzugsgebiet leben elf Millionen Menschen, mit den Benelux-Ländern sind es sogar 40 Millionen.“ Steinbrück macht eine Pause, lässt die Zahlen nachhallen. „Das sind unsere Größenordnungen.“ Jetzt schweigt Steinbrück. Den Rest soll sich jeder selbst denken. Zum Beispiel, dass im Einzugsgebiet von Hamburg nur 2,5 Millionen Menschen leben. Die Hansestadt gilt unter Beobachtern als aussichtsreichster deutscher Kandidat für Olympia. Mit einem Konzept der kurzen Wege und einem neuen Stadtgebiet am Hafen will Hamburg am 12. April die Ausscheidung der fünf deutschen Kandidaten für sich entscheiden. Düsseldorf setzt auf etwas anderes: Einwohnerzahl, Wirtschaftskraft, das dichteste Autobahnnetz Europas. Das Ruhrgebiet will mit Rationalität gewinnen – mit Messehallen.

Das klingt nicht gerade weltläufig, das geben die Macher offen zu. „Einen Wettlauf der Metropolen machen wir nicht mit“, sagen Planer wie Michael Zilles und beugen sich argumentativ über den Tisch. Im internationalen Olympia-Wettlauf mit New York, Paris, London oder Rio de Janeiro habe Deutschland nur als Deutschland eine Chance, nicht als Rheinland oder als Stuttgart oder als Leipzig. In Hamburg reden sie anders, da schwärmen sie vom weiten Meer. Zilles sagt: „Es ist auch mal spannend, Mülheim zu erleben.“ Zum Abschied gibt er dem Besucher noch eine Liste mit, mit der die Weltläufigkeit der Rhein-Ruhr-Region dokumentiert werden soll. Auszug: „Konsularische Vertretungen in Düsseldorf: Republik Mali, Republik Äquatorialguinea, Königreich Tonga…“

Trotzdem, die Region hat eine gute Bewerbung entwickelt. Ein Olympiastadion an der Messe Düsseldorf – mit ausfahrbaren Tribünen. Ein olympisches Dorf am Rhein – mit Hafen. Eine Mountainbike-Strecke bei Herten – auf alten Bergbauhalden. Das alles sieht vernünftig aus und soll nicht allzu viel kosten. Vielleicht sind die Wege zwischen dem Reiterstadion Aachen und der Handballhalle Dortmund etwas weit. Und vielleicht weiß nicht jeder in der Welt, wo das Ruhrgebiet liegt. Aber eines hat die Bewerbung geschafft: Einigkeit in der Region.

In allen Städten hängt das bunte Olympialogo, die Zeitungen werben gemeinsam. Das gab es hier noch nie. Nur Kölns Bürgermeister Fritz Schramma fiel Mitte dieser Woche aus der Reihe, als er für den Fall eines Düsseldorfer Scheiterns 2012 eine Bewerbung 2016 unter Kölner Führung ins Spiel brachte. Düsseldorfs Bürgermeister Joachim Erwin lacht darüber und nippt am Glas Wein. „Der Fritz muss beim Wähler ein paar Punkte machen. Das ist schon okay.“ Mehr Schlechtes sagt der Düsseldorfer nicht über den Kölner. So haben sich die Zeiten geändert.

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