Sport : Ring frei zur ersten Runde

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Von Christian Hönicke

Michael Schumacher ist soeben zum fünften Mal Weltmeister geworden. Doch der des Mannes, der das Gesicht der Formel 1 in den vergangenen Jahren mehr geprägt hat als jeder andere, lautet Hermann Tilke. Dabei fährt Tilke weder besonders schnell noch nennt er ein Rennteam sein eigen. Der 47-Jährige hat eine andere Passion: Er baut Rennstrecken.

Damit ist der Aachener Architekt einer von ganz wenigen seines Fachs weltweit. Kein Wunder: Schließlich haben sich Rennstrecken bis vor kurzem noch meist aus öffentlichen Straßen entwickelt. Erst seit Bernie Ecclestone aus der Rennserie ein hochprofitables Unternehmen gemacht hat, wachsen die Ansprüche an die Strecken. Inzwischen sind es nicht mehr bloße Pisten für Lebensmüde, sondern kleine, luxuriöse Stadtstaaten. Den Beruf des Streckenbauers gibt es noch nicht lang, eine richtige Ausbildung dementsprechend auch nicht. „Das ist alles learning by doing“, sagt Tilke.

Seine Rennsportbegeisterung trieb den Experten für Müllsortieranlagen vor 18 Jahren an den Nürburgring. Sein erster Auftrag: die Ausbesserung eines Rettungsweges für 600 Mark. Mittlerweile ist Tilke der Berühmteste seiner Zunft, rund 30 Strecken auf der Welt hat er konzipiert, umgebaut oder ausgebessert, darunter fünf der 17 Strecken im Formel-1-Kalender. Demnächst werden es noch mehr sein: Ecclestone plant die Expansion in alle Richtungen, vor allem gen Asien. Fast ausnahmslos wird dies Tilkes Job sein, auf Empfehlung von Ecclestone. Aber wieso kommt der Engländer immer wieder auf den Aachener zurück?

„Wir wissen, was er will“, sagt Tilke. Für alles, von Pressezentrum bis VIP-Loge, existieren Auflagen und Anforderungen. „Das muss man wissen, und ich denke mal, dass er uns deshalb immer nimmt.“ Als „absolute Auszeichnung“ empfindet Tilke das.

Auch beim Hockenheimring, wo Sonntag der Grand Prix von Deutschland ausgetragen wird, war Tilke erste Wahl. Als vor einem Jahr die Verlängerung des Formel-1-Vertrags für die Strecke anstand, stellte Ecclestone klare Forderungen. Die Infrastruktur müsse verbessert werden. Die langen Waldgeraden seien nicht mehr zeitgemäß. Der mit 6,8 km sehr lange Kurs und die daraus resultierende niedrige Rundenzahl schrecke Sponsoren ab. Es war das Aus der über 60 Jahre alten Strecke. Der Umbau wurde beschlossen, der Vertrag bis 2008 verlängert.

Tilke übernahm den Job, auch wenn er es „problematisch“ findet, an Traditionskurse heranzugehen. Möglichst „viel vom Charakter der Strecke erhalten“ will er, wie immer, wenn er alte Strecken umbauen muss. Es tut ihm weh, die Orte verschwinden zu sehen, die ihn einst für den Rennsport begeistert haben. Und so kommt es, dass er kurz vor dem Umbau ein letztes Mal mit seinem Auto über die alte Piste fährt. „Das ist ein emotionaler Moment“, sagt Tilke. Dabei klingt er nicht wie ein Geschäftsmann, sondern wie der Fan, der früher am Nürburgring im Campingstuhl saß und jedes Auto bejubelte.

Doch wenn es an sein Projekt geht, wird aus dem Fan wieder der Architekt. Der prüft zunächst das Gelände. Wo sollen die Zuschauer sitzen, wie groß ist das Grundstück, wie hoch ist der tiefste Wasserstand, denn „eine Strecke muss ja auch ein bisschen hoch und runter gehen“. Je mehr Informationen, desto weniger Raum bleibt für die Strecke. Wer große Kunst erwartet, wird enttäuscht. „Es ist nicht so, dass man die eine tolle Idee hat“, sagt Hermann Tilke. „Man versucht mit dem Team, das Beste aus den Gegebenheiten zu machen.“ Von Tag zu Tag werden die Skizzen detaillierter. Die ersten werden noch mit einem dicken Filzstift angefertigt, später geht nichts mehr ohne Computer.

Persönliche Vorlieben lässt er dabei außer acht. Auf die Fahrer geht er aber manchmal schon ein. Vor allem auf Michael Schumacher. „Der meinte in Sepang: Warum legt ihr diese Kurve nicht von da nach da? Und ich dachte, Mensch, er hat Recht“, erzählt Tilke. Er arbeite gern mit Schumacher zusammen, „weil der auch sagt, was nicht so gut ist“. Die Kritik am „Hockenheimring Baden-Württemberg“, wie die nun 4,5 km lange Strecke jetzt offiziell heißt, hält sich jedoch in Grenzen. „Die neue Strecke ist sicher besser, bietet auch mehr Herausforderungen“, meint etwa Ralf Schumacher. „Aber ein bisschen Wehmut ist schon dabei.“ Er wird sich damit trösten, dass er der letzte Sieger auf der alten Strecke war. Und Hermann Tilke tröstet sich damit, dass er sie als Letzter umrundet hat.

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