Rinkes Rauten (IV) : Moritz Rinke: „Wer hat hier Gurken-Gomez gesagt?“

Der Dramatiker Moritz Rinke schreibt hier vor jedem EM-Spiel der deutschen Mannschaft. Heute: Die Nacht vor dem Viertelfinale, im Hotel brennt noch Licht: Bei Gomez hoppelt’s wie wild, Löw kann die Snickers auf der VIP-Tribüne schon schmecken, Odonkor sprintet einsam über den Flur. Und Lehmanns Bettdecke flattert.

Moritz Rinke
Rinke Foto: Frank Zauritz/laif
Moritz Rinke. Der Dramatiker ist Stürmer der Schriftsteller-Nationalmannschaft.Foto: Frank Zauritz/laif

Basel, Mannschaftshotel, Zimmer 9. Gomez hat die Bettdecke über seinen Kopf gezogen und stellt sich immer wieder vor, wie der Ball von Klose auf ihn zurollt. In seinem Kopf dröhnt dabei immer lauter: Gurken-Gomez, Gurken-Gomez, Gurken-Gomez, Gurken-Gomez. Er ruft völlig zerfurcht Hitzlsperger auf Zimmer 16 an:


GOMEZ: Thomas, diese Arschlöcher, der Ball ist doch versprungen, er ist in dem Moment, wo ich schießen wollte, hochgesprungen, oder? Das konnte man doch in Zeitlupe sehen!
HITZLSPERGER: Ja, er ist versprungen, Mario, die Fachleute wissen das, versuche jetzt zu schlafen, nimm dir das mit dem Gurken-Gomez nicht so zu Herzen.
GOMEZ: Hast du etwa jemanden gehört, der Gurken-Gomez gesagt hat??
HITZLSPERGER: Nein, Mario, niemand sagt Gurken-Gomez.
GOMEZ: Doch! Ich hab noch Waldis EM-Club geguckt, weil ich nicht schlafen konnte. Den hätte seine Oma mit verbundenen Augen gemacht, hat der gesagt und dann: Gurken-Gomez! Dieses Arschloch von Waldi, der soll sich mal lieber um seinen Sohn kümmern, der ist doch auf Hartz IV, aber er redet von seiner Oma und dass ich eine Gurke bin, Thomas, ich hab so Angst, wenn der Ball von Klose wieder so angehoppelt kommt! In Waldis EM-Club haben sie gesagt vor dem Hoppeln war ich 35 Millionen wert, danach nur noch 25! Ich träum seit drei Tagen, dass der Ball hoppelt, ich bin schon bei minus 135, Thomas, verstehst du, wenn mich jetzt der FC Bayern gar nicht mehr haben will, sondern nur noch 1860, dann kriegen die 135 Millionen dazu, nur weil es gehoppelt hat!
HITZLSPERGER: Mario, ich muss jetzt schlafen, kann gut sein, dass mich der Jogi morgen bringt wegen Torstens Rippe! Gute Nacht, Du Gurken-Gomez. (lacht) War nur ’n Witz!

Zimmer 12: Hansi Flick und Jogi Löw zusammen im Doppelbett, beide im weißen Pyjama. Jeder sinniert für sich.
LÖW: Eigentlich ganz gut auf der Tribüne bei den Promis. Kann man schön Snickers essen, während Hansi überlegen muss, wen man von dieser Scheißauswahl überhaupt noch einwechseln kann. Schweini kann man bringen, er ist in der Bringschuld, logisch, dass der morgen gut spielt wegen der Bringschuld. Komisch, bei mir im Laptop spielen immer alle gut, in meinem Laptop stimmen die Laufwege und die Taktik. Wenn die EM in meinem Laptop stattfinden würde, wäre das optimal und wir Europameister. Gegen Portugal jetzt die Metzelder-schaltet-Ronaldo-aus-CD-Rom einlegen, wireless Lahm und in Ruhe Snickers essen!
FLICK: Toll war dein erster Auftritt in der Coaching-Zone, sagt Mama. Als erstes dachte ich, als ich allein war in der Zone: Hansi, sofort Härte beweisen, Gomez rausnehmen. Gurken-Gomez, lispelt Kuranyi noch von der Bank, süß wie der Kevin lispelt, Gurken-Gomesssssss, echt süß, aber geht natürlich nicht sowas, auch hier Härte beweisen und Neuville bringen, den Opa, der ist ja älter als ich! Gegen Portugal mach’ ich jetzt auch, was ich will!

Zimmer 1, Lehmann unter der Bettdecke. Er spricht sich gut zu und zitiert die Bildzeitung: „Lehmann hält alles!“
LEHMANN: Na ja, ich weiß auch nicht, was mit denen los ist, ich hab doch gar nichts gegen Österreich auf’s Tor gekriegt? Oder meinen die etwa, ich halte am besten, wenn ich gar nichts auf’s Tor kriege? Schweine! Ach, Jens, zernag dich nicht und schlafe ein.
Er sagt sich wieder dreimal: „Lehmann hält alles“ und versucht zu schlafen. Dann springt er plötzlich aus dem Bett.
LEHMANN: Und sie flattert doch! Immer flattert hier alles! (Ruft die Rezeption an.) Sagen Sie mal, was ist denn das für eine nervöse Bettdecke hier, die Decke flattert! Ich muss in Basel ’ne Decke haben, die Ruhe ausstrahlt!
REZEPTION: Eine Bettdecke kann nicht flattern, Herr Lehmann. Mich nervt schon Herr Gomez genug mit seinem Hoppeln! Gute Nächtli!
Lehmann knüllt die Bettdecke zusammen und hält sie die ganze Nacht mit seinen Torwarthandschuhen fest.

Zimmer 8, Frings auf der linken Seite liegend, Rippe gebrochen.
FRINGS: Ist mir ganz egal, was Müller-Wohlfahrt sagt! Ich habe schon gegen die Ösis gemerkt, Torsten, irgendwo rechts ist ’ne Rippe gebrochen, aber es interessiert mich nicht. Auch wenn alle Rippen gebrochen sind, interessiert es mich nicht. (Er versucht sich im Bett umzudrehen.) Ein arroganter Übersteiger von Ronaldo mit seiner scheiß Frisur und ich grätsch ihm morgen von hinten die Tomaten ab. (Versucht sich im Bett umzudrehen.) Geht einfach nicht. Geht nicht, aber interessiert mich nicht. (Schläft auf der linken Seite seelenruhig ein.)

Klose, Zimmer 11. Das Telefon klingelt.
REZEPTION: Frau Klose am Apparat.
KLOSE: Sylvia! Du, jemand hat geschrieben, ich wäre wie Hamlet. Wer ist denn Hamlet?
FRAU KLOSE: Du, so langsam musst du dir mal klar machen, dass das Turnier angefangen hat! Wach auf, Miro!
KLOSE: Ja, ja. Weißt du denn nun wer Hamlet ist?
FRAU KLOSE: Nein.
KLOSE: Weißt du denn wenigstens, ob unser drittes Baby von Owomoyela ist?
Frau Klose legt auf, Klose liegt die ganze Nacht wach.

Bei Arne Friedrich, Fritz, Borowski und Mertesacker brennt auch noch Licht, Odonkor sprintet die ganze Nacht durch den rechten Flügel des Hotels, Ballack guckt auf Video immer wieder sein Tor gegen Österreich mit 121 km/h. Schweinsteiger hat ein Schild an seine Tür gemacht: „Poldi, bitte nicht stören, ich bin in der Bringschuld.“ Nur bei Adler und Enke ist Ruhe und Licht aus.


Moritz Rinke ist Schriftsteller und Autor des Tagesspiegels. Er spielt in der Autoren-Nationalmannschaft und schreibt hier vor jedem EM-Spiel der Deutschen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben