Sport : Rollenspiel

Von der Rollstuhlfechterin Daniela Rossek lernen auch nichtbehinderte Sportler

Friedhard Teuffel

Berlin. Wer auch immer aus der Trainingsgruppe gegen Daniela Rossek ficht, kann ihr nicht entkommen. Den ersten Treffer setzt meist sie, egal ob ihr Gegenüber in der Weltrangliste weit vorn steht oder nicht. So schnell können sich die Fechter aus der Nationalmannschaft gar nicht umstellen. Denn gegen Rossek fechten sie aus einer anderen Position. Die 27 Jahre alte Mecklenburgerin sitzt im Rollstuhl, weil sie ihre Beine wegen einer Erbkrankheit nicht richtig bewegen kann. Wer mit ihr trainiert, setzt sich in einen Stuhl und lernt den Sport neu kennen. Es gibt kein Zurück mehr. Ausweichen kann man nur mit dem Oberkörper, aber meist hat Daniela Rossek da schon getroffen.

Seit Mitte Januar trainiert Rossek am Berliner Olympiastützpunkt, als einzige Rollstuhlfechterin, und sie sagt: „Ich lerne jeden Tag dazu.“ Das können auch diejenigen, die sich ihr gegenüber in den Stuhl setzen. Denn die Fördermaßnahme für Rossek zur Vorbereitung auf die Paralympics in Athen ist auch ein Gewinn für die nichtbehinderten Fechter. „Man muss viel schneller reagieren, weil man nicht weglaufen kann“, erzählt Rossek, „die Armmuskulatur wird stärker trainiert, denn wenn man den Arm runternimmt, wird man getroffen.“ Ihr Trainer Ingolf Blumowski sagt zum Nutzen des Sitzfechtens für einen nichtbehinderten Athleten: „Man bekommt einen anderen Blick für die Situation und wird sicherer im Nahkampf.“

Der Leiter des Olympiastützpunktes, Jochen Zinner, versucht gleich einen falschen Eindruck zu vermeiden: „Wir haben Daniela nicht nach Berlin geholt, damit die Nichtbehinderten etwas davon haben.“ Die Maßnahme sei nur für sie gedacht. Rossek gehört einem besonderen Förderkader der Sporthilfe an, weil sie in Athen sowohl mit dem Degen als auch dem Florett fechten wird und große Chancen auf Medaillen hat. In der Degen-Weltrangliste der Rollstuhlfahrerinnen liegt sie derzeit auf Platz fünf, bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr hat sie in Paris die Silbermedaille gewonnen.

Dort hat sie ihren jetzigen Trainer Blumowski kennen gelernt. „Ich hatte das Gefühl, einen Menschen zu sehen, dem Fechten in Fleisch und Blut übergegangen ist“, erzählt Blumowski, der als Kampfrichter in Paris eingesetzt war. „Ich habe zu ihr gesagt: Wenn du ins Finale kommst, trage ich dich den Eiffelturm hoch.“ Rossek erfüllte ihren Teil, doch für den Eiffelturm haben die beiden noch keine Zeit gefunden. „Wenn wir das nächste Mal zusammen in Paris sind, holen wir das nach“, sagt Blumowski.

Daniela Rossek gehört zur Weltspitze der Rollstuhlfechterinnen, obwohl sie erst seit zweieinhalb Jahren aktiv ist. „Eigentlich fand ich das Gepiekse blöd.“ Doch dann sprach sie eine Bekannte an, ob sie es mal versuchen wolle. „Ich bin hingegangen, weil ich sonntags Langeweile hatte und die mich zum Essen eingeladen hatten.“ Als sie dann ein Florett in der Hand hatte, überkam sie ein besonderes Gefühl. „Es war wie Liebe.“

Fechten ist nun der erfolgreichste Teil ihrer sportlichen Biographie geworden. Am Berlin-Marathon hat sie im Rollstuhl schon teilgenommen, Sitzvolleyball gespielt und Leichtathletik betrieben. Sie hatte trotz ihrer Behinderung die Kinder- und Jugendsportschule in Neubrandenburg bis zum Abitur besucht – mit Sport als Leistungskurs. Ihr Leben ist auf Sport ausgerichtet. Von Montag bis Mittwochabend arbeitet sie als Schriftsetzerin in Röbel an der Müritz, den anderen Teil der Woche verbringt sie im Berliner Olympiastützpunkt. Bis zu 25 Stunden trainiert sie in der Woche. Einmal im Monat trifft sie sich mit anderen Rollstuhlfechtern aus der Nationalmannschaft zum Training.

Aus einer Schweizer Trainingsgruppe hat Daniela Rossek gehört, dass sich Fechter dort jede Woche in den Rollstuhl setzen, um zu trainieren. „Fechten ist die Integrationssportart überhaupt“, sagt sie, „es gibt keine getrennten Vereine für Rollstuhlfahrer und Fußgänger.“ Gefochten wird mit gleichen Waffen und gleicher Technik. Mit Sportlern sei der Umgang ohnehin leichter: „Da werde ich nicht auf die Behinderte reduziert. Die sehen mich als jemand, der Leistung bringt wie sie.“ Nur ein Mal sei es passiert, dass eine Sportlerin nicht gegen Rossek fechten wollte. „Die anderen finden es spannend.“

Vielleicht auch deshalb, weil sich die Sportler dabei so nahe sind. Daniela Rossek kann niemanden in die Flucht schlagen, und vor ihr kann keiner fliehen.

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