Ron Dennis : McLarens Kontrollfreak verliert die Kontrolle

Eines ist sicher: Ron Dennis saß schon deutlich bequemer im Chefsessel des Rennstalls McLaren als zurzeit. Seit den Skandalen der Formel-1-Saison 2007 halten sich Spekulationen um seine Ablösung.

Karin Sturm
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Der Mann vom Kommandostand. Jahrzehntelang war Ron Dennis der Alleinherrscher bei McLaren. -Foto: AFP

Berlin - Auf die Schlagzeile folgten die Dementis: Die spanische Zeitung „Marca“ hatte in die Welt gesetzt, dass Ron Dennis künftig nicht mehr an der Spitze des Formel-1-Rennstalls McLaren-Mercedes stehen und vor allem auf Wunsch von Mercedes abgelöst werde. Zunächst kam das Dementi aus Stuttgart: „Es gibt derzeit keine Veränderung des Status quo“, es gebe eine „ unveränderte Führungsmannschaft mit gleichbleibenden Zuständigkeiten“. Dann meldete sich der angeblich bereits als Nachfolger feststehende McLaren-Geschäftsführer Martin Whitmarsh: „Alle Teilhaber an McLaren stehen voll hinter Dennis.“ Zuletzt sprach auch der Betroffene selbst: Man könne ihn gar nicht einfach so absägen, meinte Dennis, schließlich sei er auch Mitbesitzer der McLaren-Group. Allerdings überprüfe er ständig selbst seine Rolle im Gesamtunternehmen, fügte Dennis hinzu – ein kleiner Hinweis auf einen baldigen Rücktritt?

Neu sind die Spekulationen um einen Abschied des 60-Jährigen nicht: Schon Anfang Januar bei der Präsentation des neuen Wagens, der zum ersten Mal beim Motorenpartner Mercedes in Stuttgart vorgestellt wurde, war zu hören, dass der Engländer wohl demnächst seine Führungsrolle im Team aufgeben werde. Hintergrund sei eine Forderung des Automobil-Weltverbands Fia in dieser Richtung, um das Team in der Spionageaffäre um entwendetes Datenmaterial des Rivalen Ferrari endlich vom Haken zu lassen.

Eines ist sicher: Ron Dennis saß schon deutlich bequemer im Chefsessel als zurzeit. Das Jahr 2007 war vielleicht das härteste überhaupt in seiner Karriere, in der er sich seit den Anfängen als Mechaniker Mitte der Sechziger zu einem der mächtigsten Männer der Formel 1 entwickelt hat. Das teaminterne Duell zwischen Fernando Alonso und Lewis Hamilton bekam er nicht nur nicht in den Griff, sondern verschärfte es durch einige unglückliche Entscheidungen vielleicht sogar noch, wodurch am Ende der WM-Titel verspielt wurde. Noch mehr litt Dennis unter der Spionageaffäre, vor allem deswegen, weil seine Feinde – unter ihnen Fia-Präsident Max Mosley – die Chance nutzten, ihn öffentlich zu demontieren. Viel zu spät merkte er, in welche Richtung es ging, und dann verlor er, der Kontrollfreak, der immer so souverän auftrat, die Übersicht. Er reagierte panisch, zeigte sein Team selbst bei der Fia an und machte alles nur noch schlimmer.

Offiziell hielt Dennis’ Partner Mercedes immer zu ihm, doch gefallen werden dem deutschen Automobilriesen die Auswüchse der vergangenen Saison kaum haben. Schon länger existieren Spekulationen, wonach die Stuttgarter, denen momentan 40 Prozent des Teams gehören, den Rennstall komplett übernehmen möchten. Dass Dennis immer noch Ermittlungen der italienischen Staatsanwaltschaft am Hals hat, die am Mittwoch in einem Hausbesuch der Polizei gipfelten, stärkt seine Position natürlich nicht gerade – unabhängig davon, was am Ende tatsächlich herauskommt.

Es wäre jedenfalls keine Überraschung, wenn es in den nächsten Wochen oder Monaten doch zu dem jetzt noch dementierten Wechsel kommt. Schon öfter sprach Dennis selbst davon, nicht ewig an vorderster Front in der Formel 1 stehen zu wollen. Die Machtübergabe an Whitmarsh, der schon seit zwei Jahren immer stärker das Tagesgeschäft übernommen hat, ist von langer Hand vorbereitet und wird erfolgen. Die erste Frage ist, wann. Die zweite, wie sie sich auf das Team auswirken wird. Denn auch wenn Dennis dank seiner komplexen Persönlichkeit in der Formel 1 sicher mehr Feinde als Freunde hat: Dass er es war, der aus McLaren das gemacht hat, was das Team heute ist, steht außer Frage. Die dritte und für Dennis wohl wichtigste Frage ist, wie der Rückzug abläuft. Es wäre wohl die bitterste Niederlage für den Kontrollfreak, könnte er seinen Abschied aus der Formel 1 nicht mehr als eigene Entscheidung darstellen.

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