Sport : Ruben Baraja, Spinne

Der Spanier pflegt den Rhythmus des Erfolgs

Wolfram Eilenberger

Mit spanischen Fußballfreunden lässt sich über alles reden, nur nicht über die Nationalmannschaft. Erst nach langen Stunden am Tresen darf es der Fremde deshalb wagen, auf die Europameisterschaft zu sprechen zu kommen. Den Jüngeren erlischt das Feuer in den Augen, und die Alten nippen gelangweilt an ihrem Fino. Das Desinteresse könnte kaum deutlicher sein. Sollte sich überhaupt eine Kurzanalyse zur Lage der Nationalmannschaft herauskitzeln lassen, so lautet sie immer gleich: Gewiss, die nötigen Spieler zum Titelgewinn besitze man, woran es aber bislang noch immer gemangelt habe, sei die Siegermentalität. Im entscheidenden Moment fehle es an unbedingtem Durchsetzungswillen. „Und was ist mit einem Typ wie Ruben Baraja?“ Die Augenbrauen zucken. „Este tio si, tiene cojones!“ Der Mann besitze sie, die nötigen Eier (ja, so sagt das der Spanier) zum Sieg.

Der 28-jährige Mittelfeldspieler vom FC Valencia bildet das Zentrum des spanischen Spiels. Normalerweise sagt man, dass so einer die Fäden zieht. Doch bei Barajas Neigung zum Kurzpass wäre es korrekter zu formulieren, er spinne das Spiel ein. In ständigem Passkontakt zu seinen Stürmern, die immer wieder auf ihn zukommen, den Ball prallen lassen, um sich in langem Sprint entscheidende Räume zu suchen, wägt Baraja im Zentrum seine Möglichkeiten. Selbst wenn kein öffnendes Anspiel möglich ist, weiß sich Baraja zu helfen. Mit grandios kurzen Unterschenkeln setzt er dann zu abrupten Richtungswechseln an und wagt den Durchstoß durch die enge Mitte. Ballsichere Dynamik paaren sich mit einem musikalischen Gefühl für den Gewinn bringenden Rhythmus.

So lag auch die eigentliche Stärke seines Meisterteams aus Valencia in der Fähigkeit zur variablen Spielgestaltung. Ob in einschläfernden Rückpassorgien oder penetrant präzisem Flügelspiel, es waren Barajas flinke Beine, die für die Anpassung des Spiels an das gewünschte Ergebnis sorgten. Gemeinsam mit dem ruhigen Abräumer Albelda bildet er eines der stärksten Zentralpaare Europas – und auch das Herzstück der spanischen Nationalmannschaft. Recht bedacht, könnte es dieses Jahr also endlich einmal klappen mit dem ewig ersehnten Turniertitel.

Auf derartige Spekulationen will man sich an spanischen Tresen allerdings nicht einlassen. Außerdem gibt es so viel wichtigere Fußballthemen. Die unerklärliche Formschwäche von Sturmgott Raul zum Beispiel, die zum Niedergang von Real Madrid beitrug. „Und unter der auch die Nationalmannschaft leiden wird“, wirft der Fremde ein. „Ja, die vermutlich auch.“

Bis zur Fußball-EM stellen wir aus jeder Mannschaft einen Spieler vor, dem wir eine entscheidende Rolle zutrauen. Morgen: Dado Prso, Kroatien.

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