Sport : Rudi Völler: Endlich Zeit zum Nachdenken

Hartmut Scherzer

Beide Serien hielten. Rudi Völler ist mit seinen zwei Mannschaften weiterhin ungeschlagen. Acht Spiele, sieben Siege, ein Unentschieden lautet die fast makellose Bilanz des doppelten Teamchefs der deutschen Nationalmannschaft und von Bayer Leverkusen. Ein Marathontanz auf fünf Hochzeiten: Länderspiele in Freundschaft und für die WM-Qualifikation, Bundesliga, Champions League, Pokal. Die Bewunderung für den Liebling der Fußballnation steigt ins Unheimliche. "Es war eines unserer schlechtesten Spiele und wir haben dennoch gewonnen", staunte der Manager Reiner Calmund nach dem 1:0 durch ein Freistoßtor von Michael Ballack über Eintracht Frankfurt. Deren Trainer Felix Magath kommt sich dagegen allmählich vor wie ein Tennisspieler, der seinen Aufschlag, sprich seine Heimspiele, sicher durchzieht, dem aber auswärts einfach kein Break gelingt. "Alles beim Alten geblieben", stellte er lakonisch fest. "Wir haben die gewohnte Auswärtsniederlage erlitten." Wie in Köln, in Cottbus, in Hamburg und bei Schalke.

Immerhin: Seine Mannschaft habe "sehr gut gekämpft". Das ist doch schon ein Fortschritt. Dank des überragenden Torwarts Dirk Heinen, von Magath zu Jahresbeginn von Leverkusen geholt, hatte bis zu Ballacks spätem Treffer alles auf ein Remis hingedeutet. Die Hessen hatten sich - anders als zuletzt in der Fremde - couragiert und engagiert gewehrt. Mehr war nicht zu erwarten. Schon vergessen, verwies Magath auf den Qualitätsunterschied, "dass wir uns in den beiden letzten Jahren erst in letzter Minute vor dem Abstieg gerettet haben, Leverkusen aber zweimal Vizemeister wurde?"

Mit Völler ist Bayer Leverkusen in den Kreis der Titelkandidaten zurückgekehrt. Da liegt es nahe, dass Konzern und Verein den Erfolgsmenschen behalten und nicht zum Wohle Fußball-Deutschlands auf ihn verzichten wollen. Aber unter dem Bayer-Kreuz wissen sie auch, dass man Rudi Völler nicht länger "wie eine Zitrone auspressen kann" (Calmund). Die Doppelbelastung kann keine Dauerlösung sein. Wann und wo der Weltmeister von 1990, der eigentlich nie Trainer werden wollte, auch auftritt, wird er unausweichlich mit der Frage konfrontiert: Wann und wie wird er sich entscheiden?

So auch nach dem Spiel gegen Frankfurt. Immerhin deutete Völler eine baldige Entscheidung mit der Bemerkung an: "Mal abwarten, was in dieser Woche passiert." Denn erstmals findet er in diesen hektischen und stressigen Wochen Zeit, "sich mal einige Gedanken zu machen". Über seine Situation, die wirklich nicht ideal sei. Wegen der englischen Wochen, alle drei Tage ein Spiel, fand Völler bisher weder Ruhe noch Muße, sich mit seiner Zukunft intensiv zu beschäftigen. Nun spielt Bayer zwar auch an diesem Dienstag wieder in der Champions League gegen Sporting. Aber in Lissabon geht es "nur noch um die Ehre und ein paar Mark". Da kann sich der Teamchef erstmals, seit er für den ins Drogenzwielicht geratenen Christoph Daum in die Bresche sprang, etwas entspannen und nachdenken.

Felix Magath riet Rudi Völler nicht zu lange zwei Jobs nebeneinander zu machen. "Denn gedankt wird es dir hinterher sowieso nicht." Der Stress für ihn selbst sei nicht einmal "so dramatisch", sagte Völler. "Da will ich gar nicht lamentieren." Obwohl: Der Stress steht ihm ins abgespannte Gesicht geschrieben. Es gebe zu viele Probleme und Dinge, die mit einer Doppelbelastung nicht zu bewältigen seien. In anderhalb Wochen fordert ihn die Nationalmannschaft zum Länderpsiel in Kopenhagen. Ein doppelter Völler aber kann auf Dauer nur halbe Sachen machen - auch wenn seine Erfolge noch dagegen sprechen.

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