Rückblick : Uwe Hohn hält seit 25 Jahren den Speerwurfrekord

Vor 25 Jahren schleuderte Uwe Hohn den Speer im Jahn-Sportpark auf bis heute unerreichte 104,80 Meter – Glück gebracht hat ihm der Rekord nicht.

Erik Eggers
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Das erste war das letzte Mal. Nach dem Rekordwurf von Uwe Hohn am 20. Juli 1984 in Ost-Berlin wurde der Schwerpunkt der Speere...Foto: Imago

BerlinNein, Uwe Hohn mag nicht reden über seinen Wurf in die Geschichte. Über diese sagenhaften 104,80 Meter, die er den Speer durch den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark schleuderte, vor 25 Jahren, am 20. Juli 1984 beim „Olympischen Tag“. Ihn beschäftigen andere Dinge. Im Hintergrund kreischt die Kreissäge. Er renoviere sein Haus, erklärt Hohn. Und überhaupt, ihn nervten die Dopingdebatten der heutigen Zeit, die wissenschaftlichen Diskussionen um Blutprofile und auch darum, ob man alte Rekorde nicht rückwirkend in Zweifel ziehen sollte. Er sagt: „Am liebsten will ich gar nicht reden darüber, auch wegen der aktuellen Dinge.“

Zurückhaltung war dem Mann aus Neuruppin stets eigen, vielleicht hat dies den Mythos um diesen einzigartigen Wurf noch genährt. Auch sein Kommentar von damals fiel knapp aus. Die Welt der Leichtathletik fieberte auf das Durchbrechen dieser Schallmauer hin, seit Jahren schon, und das Stadion war während des Wurfes schier explodiert, aber Hohn meinte nur: „Ist schon eine schöne Weite. Zuerst frontal gegen den Wind, das gab ihm Höhe und dann hat er sich hinten schön lang gemacht.“ Der Rekord sei zwar schön, aber ihm sei der Europameistertitel von 1982 in Athen wichtiger. „Der kam überraschender“, so Hohn. „Die 100 Meter standen auf der Tagesordnung, auf die war ich vorbereitet.“

Als der Speer flog, wusste er sofort um den historischen Moment. „Ein Wurf ist dann gelungen, wenn der Speer von hinten nur noch wie ein Punkt in der Luft erscheint“, so erklärte er einmal den perfekten Wurf, und an diesem Tag sah er nur noch den Punkt. Er war sein zweiter Versuch: Tippeln zu Beginn, 18 Schritte Anlauf, ein gewaltiger Stemmschritt, dann peitschte Hohn den Speer förmlich in die Luft. Sofort hob er triumphierend die Arme. Als das 800 Gramm leichte Gerät sich in den Boden bohrte, schauten sich die Hochspringer, die sich am Ende des Stadions warm machten, etwas erschrocken um: Fast hätte Hohn die Hochsprunganlage getroffen.

Bis die Zuschauer die Weite erfuhren, dauerte es. Denn die Anzeigetafel, ausgelegt nur auf vier Stellen, konnte sie nicht anzeigen. Am Ende stand dort: 04,80. Gemeint waren 104,80 Meter. Bis heute ist diese Weite unerreicht. Denn schon ein paar Wochen später entschloss sich der Weltleichtathletikverband IAAF zu einer Regeländerung, um andere Athleten nicht zu gefährden. Der Schwerpunkt des Speers wurde daher um ein paar Zentimeter nach vorne verlagert, weshalb er sich seit dem 1. April 1986 früher gen Boden neigt. Den ersten Weltrekord nach der Ära Hohn hielt Klaus Tafelmeier (BRD). Die Weite: 85,74 Meter. Fast 20 Meter kürzer als dieser Wurf von Hohn.

Bei den Olympischen Spielen 1984, die zwei Wochen nach dem Rekord stattfanden, schaute Hohn nur zu. Die meisten sozialistischen Länder, darunter die DDR, hatten Los Angeles boykottiert, als Retourkutsche für das Fernbleiben der USA bei den Spielen 1980 in Moskau. Olympiasieger wurde der Finne Arto Kalevi Härkönen. Er warf 86,76 Meter – 18 Meter weniger als Hohn gut zwei Wochen zuvor. Welch eine bittere Pointe für den Sportler: Die DDR-Politik hatte systematisch Sportler wie Hohn gezüchtet, auch mit unlauteren Dopingmitteln, um sich auf diese Weise Anerkennung zu verschaffen. Nun stahl sie Hohn mit dem Boykott einen sicheren Olympiasieg.

Diese Chance kam nie wieder für ihn: Beim Weltcup 1985 in Canberra landete er seinen letzten großen Sieg. Danach quälte er sich mit Rückenschmerzen. 1987 beendete er seine Leistungssportkarriere, da war er gerade 25 Jahre alt.

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