Sport : Rückkehr aus dem Nichts

Der Fußballtrainer Herbert Neumann war sechs Jahre lang abgetaucht – jetzt arbeitet er in der zweiten holländischen Liga

Stefan Hermanns[Venlo]

Den Abend, an dem VVV Venlo die Tabellenführung in der zweiten holländischen Liga behauptet, verlebt Herbert Neumann in großer Ruhe. Die meiste Zeit sitzt er auf seinem Stuhl, und als nach dem Spiel auf dem Feld der Jubel tobt, bleibt Neumann an der Seitenlinie stehen und stopft die Hände in seine Jackentaschen. Dann spurtet er plötzlich zur Eckfahne und stellt sich dem Schiedsrichter in den Weg. Neumann gibt ihm die Hand und verabschiedet sich. An diesem Abend gibt es keinen Grund zur Klage. „Ich kann die Dinge jetzt um einiges besser auseinander halten“, sagt er. Das war nicht immer so.

Vor kurzem war Roy Makaay im „Aktuellen Sportstudio“ zu Gast. Es wurden ein paar Sätze von Neumann eingespielt, unter dem der Stürmer der Bayern Mitte der Neunzigerjahre in Arnheim seine erste Saison als Fußballprofi bestritten hatte. Anschließend sagte der holländische Stürmer über seinen ehemaligen Trainer: „Es ist schön, dass er wieder da ist. Er hatte ein paar Probleme.“ In Wirklichkeit hat Neumann wohl eine fast unheimliche Serie privater Schicksalsschläge hinter sich.

Nach seiner Entlassung bei Vitesse Arnheim im Oktober 1999 tauchte er vollständig aus der Öffentlichkeit ab. Mehr als Gerüchte sind aus dieser Zeit nicht bekannt. Von psychischen Problemen war in holländischen Medien die Rede, von Krankheits- und Todesfällen in seinem privaten Umfeld. Es hieß, er habe mit dem Fußball abgeschlossen und sich auf die Suche nach seinem tieferen Ich gemacht. Neumann, der in zwei Wochen 52 wird, spricht über diese Phase nicht öffentlich. Nur so viel: „Es war keine freiwillige Entscheidung, eine Pause zu machen. Das Leben hat mich dazu gezwungen.“ In einem Interview mit der Zeitschrift „Voetbal International“ hat er vor zweieinhalb Jahren gesagt: „An Selbstmord habe ich nie gedacht, aber ich verstehe jetzt gut, warum andere Menschen in einer solchen Situation ihrem Leben ein Ende bereiten.“

So plötzlich, wie er vor sechs Jahren verschwand, so plötzlich ist er im Sommer wieder aufgetaucht: Der frühere Nationalspieler, der beim 1. FC Köln einmal als der neue Overath galt, trainiert jetzt den Zweitligisten VVV Venlo, eine Art Karlsruher SC der Niederlande. Neumann hat seinen Frieden mit dem Fußball geschlossen: „Nicht der Fußball hat mich aufgefressen. Das war ich selbst.“ Inzwischen wahrt Neumann einen gesunden Abstand. Jeden Tag fährt er 95 Kilometer aus Köln nach Venlo zur Arbeit. Früher wäre das für ihn undenkbar gewesen: „Ich hätte das interpretiert als Unfähigkeit zur Identifikation mit dem Verein.“ 24 Stunden am Tag wollte er verfügbar sein. Heute lässt Neumann das nicht mehr zu.

„Er ist ein recht sensibler Mensch“, sagt Hans Meyer, der frühere Trainer von Borussia Mönchengladbach und Hertha BSC. Er kennt Neumann, seitdem beide in der holländischen Ehrendivision gearbeitet haben. Sie schätzen sich, doch auch Meyer hat seit Jahren keinen Kontakt mehr mit ihm gehabt. Venlos Spieler haben berichtet, ihr Trainer mache bisweilen einen abwesenden Eindruck. Man merke, dass er eine schwierige Zeit hinter sich habe. Vielleicht ist dieses Verhalten aber auch ganz normal, wenn jemand nach sechs Jahren wieder neu anfängt in seinem alten Job. Manches, was Neumann früher im Training spontan oder unbewusst abgerufen hat, muss er jetzt erst in seinen alten Aufzeichnungen nachschlagen. „Herbert muss sich erst wieder neu orientieren im Profifußball“, sagt Hai Berden, der Vorsitzende von VVV.

Der Trainingsplatz des Vereins liegt hinter Birken und Pappeln an der Durchgangsstraße kurz vor der Grenze zu Deutschland. Die Zugänge sind vergittert, wer auf das Gelände will, muss lange nach einem Loch im Zaun suchen. Daneben hängt ein Schild der Gemeinde Venlo: „Zugang verboten“. Es ist ein sonniger Montagmorgen. Zwei Schüler schauen zu, sie kicken am Rand ein bisschen mit den Trainingsbällen, und erst als sie sich an den Trinkflaschen der Spieler zu schaffen machen, brüllt der Kotrainer über den Platz. „VVV ist der richtige Klub für diese Art Wiederbeginn“, sagt Neumann. „Wo das hinführt, weiß ich nicht.“ Sein Vertrag gilt erst einmal nur für ein Jahr.

Stadion „De Koel“ in Venlo. 5312 Zuschauer sind zum Spiel gegen den Fünfzehnten Top Oss gekommen. Für Venloer Verhältnisse ist das nicht schlecht. Dass es auf den Rängen trotzdem beschaulich zugeht, hängt mit dem Verlauf des Spiels zusammen. Top Oss verteidigt und hält bis zehn Minuten vor Schluss das 0:0. Dann trifft der kurz zuvor eingewechselte Paul Jans zum 1:0 für Venlo und in der 90. Minute zum 2:0. „Die Mannschaft hat den Glauben, dass sie auch in der letzten Minute gewinnen kann“, sagt Berden. „Das ist ein bisschen deutsch, glaube ich.“

Neumann sucht die Verbindung aus Schönheit und Effizienz, die Synthese aus holländischen und deutschen Prinzipien: „So absurd sich das anhört: Wenn ich offensiv spielen will, muss ich gut verteidigen können.“ In Venlo hat Neumann eine Mannschaft vorgefunden, die schon sehr ansehnlich Fußball spielte, aber zweimal knapp den Aufstieg verpasst hat. „Letzte Saison waren wir oft zu naiv“, sagt Sportdirektor Earnie Stewart. „Jetzt spielen wir mehr ergebnisorientiert.“ In 14 Ligaspielen haben die Venloer erst sieben Tore kassiert und schon achtmal zu null gespielt. Am Mittwoch haben sie den Erstligisten Utrecht aus dem Pokal geworfen, den Sieger der Jahre 2003 und 2004. „Es passt mit Herbert“, sagt Stewart, der für die USA 101 Länderspiele bestritten und einst bei NAC Breda unter dem Deutschen trainiert hat. „Als ich gehört habe, dass er in den Fußball zurück will, wusste ich gleich, dass er der richtige Mann ist.“

Nach zwölf Jahren in der Zweitklassigkeit sehnt sich Venlo nach der Ehrendivision, und niemand verkörpert die Ambitionen besser als Herbert Neumann. „Er ist ein richtiger Name“, sagt der Vorsitzende Hai Berden. Mitte der Neunzigerjahre führte Neumann Vitesse aus dem Nichts in den Uefa-Cup, und wann immer damals in der Bundesliga ein Trainerposten frei war, zählte der Kölner zu den Kandidaten. Derzeit ist es für ihn schon ein Erfolg, dass er überhaupt wieder im Profifußball arbeitet. Sechs Jahre reichen, um vollständig in Vergessenheit zu geraten.

Die mehrjährige Auszeit hat Neumann noch geheimnisvoller gemacht, als er es ohnehin schon war. „Ein kaum begreifbares Phänomen“ nennt ihn „Voetbal International“. Sein Anderssein wurde auch an Äußerlichkeiten festgemacht, an langen Haaren, dem Hang zu teuren Klamotten und seinem silbernen Jaguar. Heute trägt er auch nach dem Training ein einfaches VVV-Sweatshirt und fährt VW-Golf. Neumann stört es vermutlich nicht, dass er nachdenklich wirkt. Was ihn stört, ist, dass er auf diese Seite reduziert wird: dass er als Lebenskünstler und Amateurphilosoph gilt. „Diese eindimensionale Einordnung als Schöngeist, davon habe ich die Schnauze voll“, sagt Neumann. „Auch in mir steckt das Fußballtier.“

Die Kritik, dass er für den Fußball zu weich sei, begleitet ihn durch sein gesamtes Berufsleben. Mit Köln war Neumann Meister und dreimal Pokalsieger, zu mehr als einem Länderspiel hat es aber nicht gereicht. Neumann liebte auch als Spieler die Eleganz und die große Pose, dafür habe es ihm an Willen und Disziplin gefehlt, heißt es. Neumann hat das selbst lange geglaubt. Heute ist er der Überzeugung, „dass ich es nur durch Willen und Disziplin so weit gebracht habe“. Mit seinem auffälligen Verhalten habe er als junger Spieler nur auf sich aufmerksam machen wollen. „Als Trainer wäre ich oft wütend auf ihn gewesen“, sagt Neumann. „Aber ich hätte versucht, ihn zu knacken.“

Es sieht so aus, als hätte Herbert Neumann sich inzwischen selbst geknackt. Ob er jetzt ein glücklicher Mensch ist? „Glück ist ein großes Wort“, sagt er. „Ich würde es Zufriedenheit nennen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben