Sport : Rührt euch!

Martin Hägele

Georg Hackl weiß, was sich gehört. Und was er seiner Firma schuldig ist. Weshalb der Rodler jedes Mal, bevor er das Olympische Dorf verlässt, schnell noch das Logo seines Arbeitgebers an Pullover oder Jacke heftet. Das symbolisierte eiserne Kreuz, schwarz auf silbernem Grund. Sollte Hackl tatsächlich noch einmal Gold abholen, wird er nicht nur Eltern, Entdeckern und Trainern, dem Sportverband und womöglich sogar dem Heimatland danken; ganz sicher fällt dann auch das Wort Bundeswehr.

Hauptfeldwebel Hackl ist Sportsoldat, so wie 67 weitere Mitglieder der 162-köpfigen deutschen Olympia-Mannschaft. Stabsunteroffizier der Reserve Hilde Gerg (Alpin), die momentan formell eine Wehrübung im Ausland absolviert, ist ebenso für Deutschland auf Medaillenjagd wie die Feldwebel Kati Winkler und René Lohse (Eiskunstlauf) und die Hauptgefreite Sabine Völker (Eisschnelllauf). Also bloß den Sticker nicht vergessen. Und Gott sei dank ist das diesmal kein so billiges Klump wie das, von dem die Sommer-Kollegen aus Sydney erzählt haben. Die selbsthaftenden Aufkleber, von denen jeder fünf bekommen hatte, waren leicht abgefallen und schnell verloren. Die plastifizierte Version mit den Sicherheitsnadeln dagegen hätte den Teilnehmern eines Zeugen-Jehova-Kongresses besser gestanden als Deutschlands sportlicher Elite.

Auf alle Fälle stellen sich die Vertreter der Bundeswehr diesmal noch besser dar als zuvor. Die Zeiten, als bundesdeutsche Sportführer angesichts der spärlichen Medaillen-Ausbeute noch mit dem Finger auf Salt Lake City 2002 Fotostrecke:
Olympische Winterspiele 2002 - erste Impressionen die Sportsoldaten des Ostblocks ("wollt ihr, dass wir so werden wie die?") deuteten, sind längst Vergangenheit. Es hat zwar recht lange gedauert, bis der Bundestags-Beschluss von 1968 zur Förderung des Hochleistungssports , der die Chancengleichheit deutscher Sportler bei internationalen Wettkämpfen gewährleisten sollte, tatsächlich umgesetzt wurde. Dieser Prozess wurde erst im Zuge der Wiedervereinigung richtig beschleunigt, nachdem die Bundeswehr recht großzügig das beste Personal der Armeesportklubs und zum Teil auch aus den Dynamo-Abteilungen der Volkspolizei übernommen hatte.

Seither ist das Verteidigunsministerium der wichtigste Sponsor der Olympia-Teams. Wie sich die Deutschen zur Nummer eins auf der Welt unter den Wintersport-Nationen entwickeln konnte, lässt sich leicht aus der Statistik ableiten. Der Anteil der Bundeswehrangehörigen unter den Oympiateilnehmern steigerte sich von 26 Prozent (Albertville 1992) auf 43 Prozent in Salt Lake City. Offenbar entwickeln die Soldaten und Soldatinnen auch höheres Leistungsbewusstsein. Bei den Sommerspielen in Australien stellen die Sportförderkompanien genau ein Viertel der Mannschaft - und gewannen 34,5 Prozent der Medaillen. Auf der Bob- und Rodel-Bahn und den Schanzen des Utah Olympic Park sowie in den Loipen und an den Schützenständen von Soldier Hollow erwartet die Planungs-Abteilung des deutschen Sports sogar noch bessere Quoten.

Viele Medaillenkandidaten, ganz besonders jene aus den klassischen Sportarten des ehemaligen Arbeiter- und Sportler-Staates, profitieren von den 25 Sportfördergruppen hierzulande, die in der Nähe von Leistungszentren und Olympiastützpunkten eingerichtet wurden. Die Biathleten, Bobfahrer und Rodler gehören fast komplett dazu, aber auch immer mehr Sportlerinnen. Bob-Steuerfrau Susi Erdmann war 1992 die erste Frau, die aufgenommen wurde. 70 Prozent ihrer Dienstzeit sind die Athleten für ihren Sport freigestellt, in der übrigen Zeit tun sie das, was andere Soldaten auch tun: schießen und marschieren. Die eigentlichen Bosse halten sich im Hintergrund. Anders als noch in Atlanta, wo Verteidigungsminister Rühe mit dem ehemaligen Bundesligaschiedsrichter Walter Eschweiler, einem Angestellten des Auswärtigen Amtes, von Sportstätte zu Sportstätte zog und die Parade seiner Werbeträger abnahm, hält sich Nachfolger Scharping zurück. Er fliegt gar nicht nach Utah. Das staatliche Zeremoniell überlässt er Innenminister Otto Schily und Bundespräsident Johannes Rau.

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