Sport : Ruhe bewahren

Bei Werder Bremen werden die alten Prinzipien angewendet – doch sie greifen nicht mehr

Frank Hellmann

Bremen. Die Falten im Gesicht scheinen tiefer geworden zu sein. Das Haar lichter. Um die Augen zeichnen sich Ränder ab. Im unrasierten Gesicht von Thomas Schaaf hat die Niederlagen-Serie des SV Werder Bremen Spuren hinterlassen. Der 42-Jährige macht die schwierigste Phase durch, seit er im Frühjahr 1999 in höchster Abstiegsgefahr den Cheftrainer-Job antrat. „Ich kämpfe dagegen an. Ich gebe nicht auf. Ich lasse mich nicht unterkriegen.“ Die am Samstag gesprochenen Worte wiederholte der Coach am Sonntag: Ja, das 1:2 gegen Hannover 96 markiere einen neuen Tiefpunkt. Aber nein, der Coach denke nicht an Rückzug, der Verein nicht an Entlassung. Am bescheidenen Liga-Standort Bremen gelten andere Gesetze – eines ist, in schlechten Zeiten Ruhe zu bewahren. Gerade erst nahm die Klubführung ein angebliches Angebot von Bayer Leverkusen zum Anlass, eine Ehrenerklärung pro Schaaf abzugeben und Sportdirektor Klaus Allofs eine Verlängerung seines Vertrages anzubieten – zu verbesserten Bezügen.

Nun ist Ernüchterung eingekehrt. Vor Saisonbeginn wurde Werder als möglicher Absteiger gehandelt, zur Saisonmitte als Meisterschaftsanwärter gefeiert. „Das war beides nicht realistisch“, sagt Schaaf jetzt, „aber so wie die Saison gelaufen ist, stehen wir negativ da.“ Mehr noch: Bislang gelten die Bremer als die Verlierer des Jahres. Die zum Jahreswechsel noch sicher geglaubte Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb droht außer Reichweite zu geraten. „Wir laufen große Gefahr, dass wir an die Geldtöpfe nicht mehr herankommen“, gesteht Schaaf. „Daran dürfen wir jetzt gar nicht denken“, sagte Allofs schlecht gelaunt nach der neuerlichen Niederlage, „so ein Spiel darfst du nicht verlieren“ – im eigenen ausverkauften Stadion gegen einen Kontrahenten, der nach Aussage von 96-Trainer Ralf Rangnick eine Halbzeit lang „unterirdisch schlecht“ agierte.

Doch Werder bricht derzeit diverse Negativ-Rekorde. Die siebte Niederlage im neunten Rückrunden-Spiel nahmen die Fans mit erstaunlichem Gleichmut hin – nur Jung-Nationalspieler Tim Borowski musste sich ob seines beschämenden Engagements Unmutsäußerungen anhören. „Doch am Einsatz hat es nicht gelegen“, sagte Stürmer Markus Daun, „eher daran, dass wir verunsichert sind.“ Nicht nur das: Das Team, dem Allofs Gehaltskürzungen angedroht hat, ist auf und außerhalb des Platzes keine Einheit mehr. Kaum einer will zur Krise Stellung beziehen – einige drücken sich beharrlich vor der Verantwortung. „Wenn wir so weiterspielen, holen wir keine drei Punkte mehr“, meinte Frank Baumann. Der Kapitän erlitt zu allem Überfluss einen Muskelfaserriss und musste für das Länderspiel gegen Litauen absagen.

„Vielleicht tut uns allen diese Pause gut“, hofft Schaaf. Die nächsten Aufgaben führt Werder nach Dortmund und zu den Bayern. „Da erwartet niemand etwas von uns. Vielleicht hilft uns das.“

Schaaf selbst wirkt rat- und hilflos. Was hat er nicht alles probiert? Hat den Alten, dann den Jungen das Vertrauen geschenkt, hat mal Ailton, mal Lisztes auf die Bank verbannt, hat den Torwart gewechselt. Mal hat er die Aufstellung schon am Mittwoch festgelegt, dann alle bis zum Spieltag im Ungewissen gelassen. „Ich mache doch keinen Einheitsbrei“, sagt Schaaf. Doch einheitlich setzt es einen Rückschlag nach dem anderen.

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