Sport : Runde eins, die letzte

Nicolas Kiefer steckt in privaten Turbulenzen und scheidet bei den Australian Open gleich aus

Alexander Hofmann[Melbourne]

Größer hätte der Kontrast kaum sein können: Hier ein selbstbewusster und zufriedener Thomas Haas, dort ein geknickter und angeschlagener Nicolas Kiefer. Haas zeigte eine weitgehend fehlerlose Leistung und gewann am ersten Tag der Australian Open in Melbourne 6:3, 6:2, 6:3 gegen Xavier Malisse aus Belgien, Kiefer verlor gegen Malisses Landsmann Olivier Rochus 5:7, 6:2, 6:3, 2:6, 3:6. Haas trifft am Mittwoch auf den Tschechen Karol Beck, für Kiefer ist das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres bereits beendet. Er will nun „Leute aufsuchen, die mir helfen können“. Neben Haas erreichten auch Rainer Schüttler, Björn Phau und Anna-Lena Grönefeld die nächste Runde, Dieter Kindlmann und Julia Schruff schieden aus.

Kiefer bot um 23 Uhr ein Bild des Jammers, als er versuchte, seinen derzeitigen Zustand zu erklären. Die Erinnerung an den Pistolen schwingenden Kidnapper im Foyer seines Hotels am vergangenen Freitag ist immer noch präsent. „Wenn ich allein im Zimmer bin, habe ich immer noch die Bilder vor Augen, ich muss erst mal alles verkraften, was die letzten Tage passiert ist“, sagte er sichtlich gequält. Offenbar hatte ihn der Vorfall doch schwerer getroffen, als er selbst angenommen hatte. In den vergangenen Tagen hatte er noch bereitwillig über seine Begegnung mit dem Kriminellen berichtet. Die Trennung von seiner langjährigen Freundin Inga hat möglicherweise ein Übriges getan, um die Konzentration auf seinen Beruf zu stören.

„Ich weiß, ich muss Beruf und Privates trennen“, sagte der 27-Jährige. In dem 3:33 Stunden langen Match bei kühlen Nachttemperaturen gelang ihm das sogar phasenweise, aber die Konstanz fehlte. Das 5:2 im ersten Satz verspielte er gegen den nur 1,65 Meter kleinen Belgier Rochus ebenso wie vier Breakbälle beim Stand von 3:5 im letzten Durchgang. „Das Tennis ist ja da, aber der Kopf fehlt, Chancen habe ich gehabt, aber nicht genutzt“, sagte Kiefer, der mehr als nur einmal erwähnte, dass er jetzt Hilfe brauche. Nach seinem erstaunlichen Comeback 2004 nach zwei Jahren im sportlichen Nichts steht der zweimalige Melbourne-Viertelfinalist jetzt wieder am Scheideweg.

Haas’ erster Auftritt im Melbourne Park seit 2002 hätte dagegen kaum überzeugender sein können. 100 Punkte erspielte er sich in dem nur 107 Minuten langen Match, fast genauso viele hatte seine Leistung verdient. Der an Position 16 Gesetzte war aber erst einmal damit zufrieden, überhaupt wieder in Australien dabei zu sein und gewonnen zu haben. Die Leistenverletzung, die er in Perth im Hopman Cup erlitten hatte, habe ihn nur ab und zu beim Aufschlag „ein wenig gestört“. Nur eine Chance hatte Malisse, ihm den Aufschlag abzunehmen. Neben seinen gewohnt aggressiven Grundlinienschlägen wagte sich Haas überraschend 29 Mal ans Netz und verbuchte dabei immerhin 21 Mal Erfolg. Im Gegensatz zu Kiefer wirkte Haas absolut konzentriert und hatte im gesamten Spiel kaum einen Durchhänger. Seinen nächsten Gegner Beck hatte er im vergangenen Jahr im Daviscup in Bratislava in vier Sätzen besiegt. Sollte der ehemalige Weltranglisten-Zweite sich sogar noch steigern, wie er unmittelbar nach dem Match gegen Malisse von sich selbst verlangte, könnte er durchaus an seine australischen Erfolge von 2002 und 1999 anknüpfen, als er jeweils das Halbfinale erreicht hatte.

Ein anderer, der in Melbourne auf dem bisherigen Höhepunkt seiner Karriere angekommen war, gibt sich derzeit mit weniger zufrieden. Rainer Schüttler, vor zwei Jahren noch sensationell im Endspiel, war froh, wieder einmal die erste Runde überstanden zu haben. 7:6 (7:3), 6:3, 6:2 bezwang er den Franzosen Olivier Patience. „Dieser Sieg war sehr, sehr wichtig, ich bin sehr erleichtert“, sagte Schüttler, der nach seinem großen Jahr 2003 im vergangenen Jahr eine deprimierende Niederlagenserie hatte hinnehmen müssen. Sein nächster Gegner heißt aber ausgerechnet Andre Agassi, gegen den er das Finale von 2003 im Schnelldurchgang 2:6, 2:6, 1:6 verloren hatte. „Daran habe ich nicht so gute Erinnerungen“, sagte Schüttler, „aber vielleicht spiele ich mich in einen kleinen Rausch und kann ihm ein Bein stellen.“

Der Rausch müsste schon gewaltig sein, um den viermaligen Melbourne-Sieger zu schlagen. Der 34-jährige Amerikaner beförderte am Montag den zwölf Jahre jüngeren Dieter Kindlmann 6:4, 6:3, 6:0 aus dem Turnier. Für den Bayern war das erste Match im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers in jedem Fall ein großer Tag. Mit glänzenden Augen berichtete er von dem Match in der riesigen Rod-Laver-Arena und der Begegnung mit einem seiner Kindheits-Idole. „Agassi war sehr nett, vor dem Spiel ist er zu mir gekommen und hat sich vorgestellt, da musste ich schon etwas schmunzeln.“ Dass es etwas Besonderes für ihn gewesen sei, das sagte Dieter Kindlmann gleich neun Mal.

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