Sport : Russisches Roulette

Der Öl-Milliardär Roman Abramowitsch kauft den englischen Fußball-Klub Chelsea für 60 Millionen Pfund

Andreas Hoffbauer

London. Ein Neuzugang besonderer Art sorgt für erheblichen Wirbel in der britischen Fußballwelt: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion ist der legendäre Londoner Fußballklub FC Chelsea an den russischen Öl-Milliardär Roman Abramowitsch verkauft worden. Der 36-jährige Geschäftsmann aus Moskau, dessen Vermögen auf 5,5 Milliarden Euro geschätzt wird, übernimmt die Aktienmehrheit an dem börsennotierten Verein für rund 110 Millionen Pfund (160 Millionen Euro). Für die Aktie des hoch verschuldeten Vereins blieb das nicht ohne Auswirkungen. Sie legte am Morgen prompt zu – und zwar gleich um mehr als 40 Prozent.

Gewinner an der bislang größten Übernahme im englischen Fußball ist Chelseas Chairman Ken Bates. Der weißbärtige, eher durch ruppiges Auftreten und radikale Ideen bekannt gewordene Manager, hatte den Klub 1982 für den symbolischen Preis von nur einem Pfund erworben. Und mit dem Kauf durfte er auch gleich die 1,5 Millionen Pfund Schulden übernehmen, die Chelsea zu jenem Zeitpunkt drückten. Der bisherige Mehrheitsaktionär Bates (29 Prozent) macht nun Kasse: Abramowitsch zahlt für die 51 Prozent Anteile an dem Klub den stolzen Preis von 60 Millionen Pfund in bar und übernimmt auch die Vereinsschulden, die inzwischen auf die beachtliche Höhe von 80 Millionen Pfund angewachsen sind. Und „Mr. Chelsea“, wie der seit 20 Jahren für Chelsea tätige Ken Bates genannt wird, bleibt auch unter russischer Führung Chairman.

Dabei war unter ihm der Verein erst richtig in die Schuldenzone gelangt. Da wurden Spieler verpflichtet ohne Rücksicht auf die Kosten. Teure Stars wie Desailly, Petit, Zola oder Oliveira schlüpften ins Chelsea-Trikot. Aber auch für die von Bates angetriebene Gestaltung eines gigantischen Hotel- und Sportkomplexes namnes „Chelsea Village“ gingen viele Millionen drauf.

Die Fans reagierten jetzt geschockt. Der Verkauf des Klubs aus dem feinen Stadtteil in Südlondon hat gewiss Signalwirkung für die Premier League, die durch teure Spieler und sinkende TV-Einnahmen in der Finanzkrise steckt. Manchester United hat gerade Superstar David Beckham verkauft, auch der überschuldete Verein Leeds United hat sich von wertvollen Spielern getrennt.

Jetzt übernimmt bei Chelsea erstmals ein Ausländer einen Verein in Englands obersten Spielklasse. Zwar besitzt bereits Harrods-Eigentümer El Fayed den benachbarten FC Fulham, doch der Klub spielt wieder zweitklassig. Und vor Jahren war der spektakuläre Versuch des australischen Medienzars Rupert Murdoch letztlich an den Kartellbehörden gescheitert, bei Manchester United die Macht zu übernehmen.

Bei Murdoch spielten TV-Rechte und sein Einfluß bei BSkyB, dem größten Pay-TV-Sender im Land, eine große Rolle. Auch Abramowitsch ist keineswegs nur Fußballfan. Der russische Manager hat ebenfalls TV-Interessen. Die Fernsehrechte an Chelsea seien deshalb bei dem Deal wichtig gewesen, heißt es in London. So wird auch im Zusammenhang mit dem Verkauf von Chelsea Kritik aus der Politik laut. Der frühere Sportminister Tony Banks fordert eine Untersuchung des Millionen-Deals. Ein solch wichtiger Klub könne nicht einfach an eine Person verkauft werden, „über die wir nichts wissen“.

Der als ruhig geltende Jurist Abramowitsch hat ein Netz von Beteiligungen aufgebaut, das keiner wirklich durchschaut. So ist er größter Anteilseigner am russischen Ölkonzern Sibneft, soll sehr viel Geld im Aluminiumgeschäft verdient haben und gilt stets als guter Freund der Regierungen im Kreml. Er ist zudem in das Moskauer Parlament gewählt worden und ein enger Freund von Präsident Wladimir Putin. Abramowitsch hat nach Medienberichten kürzlich seinen Anteil an der Fluglinie Aeroflot verkauft – was der Finanzierung des Chelsea-Deals gedient haben könnte.

Für den Verein sei Abramowitsch der „rettenden Engel aus Russland“, urteilen die Börsenanalysten in London. Sie halten einen Ausverkauf der Liga für unwahrscheinlich. Zwar seien die meist börsennotierten Vereine mit Blick auf den Aktienkurs momentan billig. Doch die hohen Schulden der Klubs würden Neueinsteiger eher abschrecken. Abramowitsch zahlt mit 35 Pence pro Aktie einen Aufschlag von 15 Prozent auf den Kurs von Montag. Welche weiteren Chelsea-Aktionäre dem Verkauf bereits zugestimmt haben, ist unklar. Der von Murdoch kontrollierte Sender BSkyB, der zehn Prozent an dem Klub besitzt, soll nicht zu den Verkäufern gehören.

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