Sport : Sag mir, wo du stehst

Stefan Hermanns

Die menschliche Erinnerung ist eine Hure. Sie ist "käuflich, unzuverlässig und ohne Gedächtnis", hat der Schriftsteller Nicolaus Sombart einmal geschrieben. Ihre Eigenheit ist es, vor allem das Gute im Gedächtnis zu bewahren, während sie das Schlechte verdrängt, vergisst oder verschweigt.

Michael Skibbe könnte viel Schlechtes erzählen über das Publikum im Dortmunder Westfalenstadion. Als er dort noch die heimische Borussia trainierte, war er für die verwöhnten Zuschauer der Liebste aller Sündenböcke. Dass Skibbe bei Borussia Dortmund nur anderthalb Jahre lang in führender sportlicher Position tätig war, hat er in erster Linie den erfolgreichen Mobbingversuchen der BVB-Anhängerschaft zu verdanken. Wenn Fredi Bobic mal wieder nur den Pfosten traf, forderte gleich anschließend die Haupttribüne Skibbes Entlassung.

Nun sind wiederum anderthalb Jahre vergangen, seitdem die Dortmunder Vereinsführung diesem Wunsch ihres Publikums entsprochen hat. Skibbe ist als Bundestrainer und wichtigster Partner von Teamchef Rudi Völler längst rehabilitiert. Was soll man da an alte Wunden rühren, an schwere Stunden denken? Skibbe hat in den elf Jahren, die er insgesamt bei Borussia Dortmund angestellt war, auch andere Erlebnisse gehabt. Solche, an die sich das wankelmütige Gedächtnis weit lieber erinnert als an pöbelnde Massen. Feurige Europacupspiele gegen Anderlecht, La Coruna oder Auxerre und fanatische Anhänger, die den Gegner mit ihrer Wort- und Stimmgewalt regelrecht einzuschüchtern vermochten.

"Das Publikum in Dortmund war immer Garant dafür, dass man es geschafft hat, dem Gegner die eigene Stärke zu nehmen", sagte Skibbe gestern. "In entscheidenden Spielen hat es immer gewusst, auf welcher Seite es steht." So soll es auch am Mittwoch (20.30 Uhr/live im ZDF) sein, wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im Westfalenstadion zum letzten Ausscheidungsspiel für die WM-Qualifikation gegen die Ukraine antritt. Skibbe hofft, dass die gewaltige Südtribüne dem ohnehin nicht immer sicheren ukrainischen Torhüter "ein bisschen Fracksausen zukommen lässt". Torhüter Oliver Kahn geht davon aus, "dass das ganze Stadion wie eine Wand hinter uns steht".

Ähnliche Vorstellungen hatten die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes auch vor einem Monat mit dem Stadion Auf Schalke verbunden. Dessen Publikum gilt als vergleichbar fanatisch, wie das aus Dortmund, doch am Ende sang die Nordtribüne Schalker Lieder, anstatt die Nationalmannschaft anzufeuern. Skibbe ist trotzdem zuversichtlich, weil "das Dortmunder Publikum eine völlig andere internationale Erfahrung hat als das Schalker Publikum". Die Frage ist nur, ob die 52 000 Zuschauer wirklich originäre BVB-Fans sind oder nicht doch eher reserviertes Nationalmannschaftspublikum. Das, so sagte selbst Skibbe, "ist sicher anders gestrickt", allerdings hofft er, dass es "sich sehr wohl anstecken lässt" von der Begeisterung der echten Fans.

In der manchmal irrwitzigen Rivalität zwischen Schalkern und Dortmundern wäre es für die Dortmunder natürlich ein pikantes Detail, wenn die Nationalelf in ihrem Stadion das schaffte, was ihr in Gelsenkirchen nicht gelungen ist. Das Westfalenstadion könnte damit zu einem gleichsam mystischen Ort der deutschen Länderspielgeschichte aufrücken: Zu Wankdorf 1954, Wembley 1972 käme dann das Westfalenstadion 2001 hinzu. Dietmar Hamann verbindet schon jetzt "wunderbare Erlebnisse" mit der Arena. Im Mai wurde er mit dem FC Liverpool in Dortmund Uefa-Cup-Sieger, und auch Bernd Schneider, sein Kollege aus dem deutschen Mittelfeld, hat dort "eigentlich nur positive Erfahrungen gemacht". Im Frühjahr erzielte er aus gut 50 Metern ein Tor für Bayer Leverkusen, und 1999, bei einem seiner sechs Länderspiele, gewann er in Dortmund 4:0 gegen Nordirland.

Die Statistik stützt den deutschen Optimismus: Von elf Spielen in Dortmund hat die Nationalelf zehn gewonnen, einmal, im Dezember 1977, reichte es nur zu einem 1:1-Unentschieden gegen Wales. Dafür unterlagen Nordirland und Armenien je 0:4, Ungarn 0:5, Finnland 1:6, Albanien 0:6 und 0:8 und Malta ebenfalls 0:8. In sechs Qualifikationsspielen zu Welt- und Europameisterschaften schafften die Deutschen sechs Siege bei einer Tordifferenz von 36:1. Allerdings spricht die Statistik in fast jedem deutschen Stadion für die deutsche Elf. Dass die Mannschaft verliert, ist in der Vergangenheit nämlich generell nicht allzu oft vorgekommen. So war es auch noch bis vor zwei Monaten in München. Mehr als 30 Jahre hatte es im Olympiastadion keine Niederlage mehr für die deutsche Elf gegeben. Dann kam England und siegte 5:1.

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