Sport : SC Charlottenburg: Der kleine Unterschied

Karsten Doneck

Marco Liefke hatte sich auf eine Holzbank in der hintersten Ecke verkrümelt. Hauptdarsteller war er lange genug gewesen. Jetzt durften im Gastronomiebereich der Sömmeringhalle, dort wo Volleyball-Bundesligist SC Charlottenburg nach den Spielen öffentliche Pressekonferenzen abhält, die Anderen über ihn Auskunft geben. "Was der Marco gezeigt hat, war fast Weltklasse", urteilte zum Beispiel Kaweh Niroomand, der SCC-Manager. Liefkes Mannschaftskamerad Vincent Lange verstieg sich zu der Ansicht: "Wenn wir den Marco nicht gehabt hätten, wäre es sehr, sehr schwer geworden, das Spiel nach Hause zu bringen." Selbst Gästetrainer Zoran Nikolic fühlte sich angesichts Liefkes Klasse mit seinem Volleyball-Know-how am Ende. "Das ist schwer, einem solchen Spieler taktisch etwas entgegen zu setzen", meinte Nikolic. Der überragende Marco Liefke hatte den SCC im Spitzenspiel gegen Eintracht Mendig innerhalb von 67 Minuten zu einem 3:0 (25:22, 25:23, 27:25)-Sieg geführt. Die Charlottenburger sprangen durch diesen Erfolg am Kontrahenten vorbei wieder auf Platz zwei der Bundesliga hinter dem VfB Friedrichshafen.

Liefke hörte sich die Lobeshymnen ohne sichtbare Gefühlsregung an. Ein bisschen wunderte er sich auch, warum er derart im Mittelpunkt stand. "Ich habe einfach einen guten Tag gehabt", stellte er sachlich fest, "aber das war doch nicht zum ersten Mal in dieser Saison so." Der 2,06 m große Nationalspieler bewahrte gegen Mendig gerade bei kritischen Spielständen kühlen Kopf und brachte seiner Mannschaft mit kraftvoll abgeschlossenen Angriffsaktionen immer wieder die nötigen Punkte. Eintracht Mendig lag im dritten Satz mit 15:10 vorne, "normalerweise ein unaufholbarer Rückstand", wie Kaweh Niroomand konstatierte. Normalerweise! Sicher, aber wer einen Liefke hat, der lässt sich halt auch von Unaufholbarem nicht schrecken. Beim 22:22 hatte sich der SCC wieder herangearbeitet, den dritten Matchball verwandelte dann der gegenüber dem letzten Heimspiel gegen VV Leipzig stark verbesserte Ian Taylor zum 27:25.

Nach dem für den SCC recht schmerzlichen Fortgang von Stefan Hübner, der jetzt bei Pallavolo Loreto in Italien seine Volleyball-Künste praktiziert, ruht in dieser Saison mehr denn je die Last, Führungspersönlichkeit zu sein, auf den Schultern von Marco Liefke. Eine Rolle, die dem 26-Jährigen nur bedingt behagt. "Wenn ich auch noch der sein muss, der für die Stimmung innerhalb der Mannschaft verantwortlich ist, wenn ich nebenher auch noch organisieren müsste, dann hätte ich Probleme", bekennt Liefke, "denn das lenkt mich nur ab."

Topleistungen verführen Liefke keineswegs zu großen Sprüchen. Niroomand lobt: "Er hat keinerlei Starallüren, stellt sich nie selber in den Vordergrund." Und so saß er halt nach seiner Gala gegen Mendig ein bisschen versteckt im Gastronomiebereich der Sömmeringhalle. Das große Wort führten derweil Andere. Über ihn allerdings.

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