Schach-EM : Hamburger Jan Gustafsson vorn dabei

Der Hamburger Jan Gustafsson ist die Überraschung der Schach-EM in Dresden. Der 27-Jährige teilt sich nach einem Sieg über die deutsche Nummer eins nun den zweiten Tabellenplatz mit zwölf anderen Großmeistern. Von Martin Breutigam

Berlin - Der Hamburger Großmeister Jan Gustafsson, 27, hat bei der Schach-EM in Dresden mit einem spektakulären Sieg über Arkadij Naiditsch, Deutschlands Nummer eins, seine Chancen auf einen Spitzenplatz gewahrt. Nach acht von elf Runden teilt sich Gustafsson (sechs Punkte) mit zwölf anderen Großmeistern überraschend den zweiten Tabellenplatz, einen halben Punkt hinter dem führenden Ukrainer Andrej Wolokitin.

Allerdings wehrte sich Gustafsson nach der Partie, in der er seine beiden Türme auf reizvolle Weise geopfert hatte, gegen überschwängliches Lob: "Das stand alles in meinem Computer drin." Mit anderen Worten, er hatte fast die ganze Partie vorbereitet gehabt. Schon Anfang des Jahres sei die nun von Naiditsch gewählte Spielweise irgendwo empfohlen worden, ein befreundeter Großmeister habe ihn in "einer panischen E-Mail" darauf aufmerksam gemacht, sagte Gustafsson. Er habe sich die Sache dann genauer angeschaut und eine verborgene Widerlegung entdeckt. "Seitdem schleppe ich das mit mir rum und hoffe, dass es jemand spielt."

"Da muss man ja zehn Tage nach Sibirien"

Der Sieg war auch wertvoll im Hinblick auf den kommenden Weltcup in Chanty Mansijsk, für den sich die 33 Besten aus Dresden qualifizieren. "Ich weiß aber gar nicht, ob das so toll ist, da muss man ja zehn Tage nach Sibirien", sagte Gustafsson. Er mache sich keine großen Pläne, denke nur von Partie zu Partie.

In Sachen Niveaubreite ist diese Europameisterschaft stärker besetzt als die sieben vorherigen; fast die Hälfte der rund 400 Teilnehmer sind Großmeister. Von den Top-Ten-Spielern kam jedoch keiner nach Dresden; im Gegensatz zur großmeisterlichen Nachwuchsgeneration aus den Gus-Ländern, die fast vollständig am Start ist. Bei den Frauen führt die Russin Tatjana Kosintsewa mit 7,5 Punkten.

Naiditsch - Gustafsson (Dresden 2007, EM 8. Runde)

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0-0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 0-0 8.c3 d5
(Dieses so genannte Marshall-Gambit, eingeführt 1918 von dem US-Amerikaner Frank Marshall, fand jahrzehntelang nur wenige Anhänger; heutzutage ist es beliebter denn je.)
9.exd5 Sxd5 10.Sxe5 Sxe5 11.Txe5 c6 12.Te1 Ld6 13.g3 Lf5 14.d4 Dd7 15.Le3 Tae8 16.Sd2 Lg4
(Für den geopferten Bauern hat Schwarz spürbar Initiative bekommen: Gustafssons Figuren sind gut entwickelt und er steht bereit zum Vorstoß f7-f5-f4.)
17.Db1 Lf5 18.Lc2?
(Verständlich, dass Naiditsch das Remis durch Zugwiederholung nach 18.Dd1 Lg4 ablehnt, zumal 18.Lc2 kürzlich empfohlen wurde. Der Zug ist aber objektiv schwächer als 18.Dd1 oder 18.Dc1.)
18...Lxc2 19.Dxc2 f5 20.c4 bxc4!
(Dank dieser vorbereiteten Neuerung gerät Gustafssons Angriff nicht ins Stocken.)
21.Sxc4 f4! 22.Ld2
(Nicht 22.gxf4?? Dg4+ und gewinnt, bzw. 22.Sxd6? fxe3 23.Sxe8 exf2+.)
22...f3! 23.Dd3
(Die Dame soll nach f1, wegen der Drohung 23...Dh3 nebst 24...Dg2 matt. Schnell verloren hätte 23.Kh1? Dh3 24.Tg1 Te2, z.B. 25.Taf1 Lxg3! 26.Txg3 Dxf1+ 27.Tg1 Dxf2.)
23...Te2!
(Auf diesem feinen Sperrzug basiert die schwarze Angriffsidee: Die weiße Dame hat nun keinen Zugang mehr nach f1.)
24.Txe2 Dh3 25.Se3?
(Zäher war 25.Dxf3 Txf3 26.Sxd6, obwohl Schwarz auch dann nach 26...Sf6! 27.Tae1 h6 und der Drohung ...Sg4 nahezu auf Gewinn stünde.)
25...Tf4!!
(Das zweite Turmopfer entscheidet sofort, es droht nämlich 26...Th4! 27.gxh4 Dxh2+ 28.Kf1 Dh1 matt. Zum gleichen Ende würde 26.gxf4 Lxf4 nebst ...Dxh2+ führen. Und weil auch 26.Dxa6 Th4 27.Da8+ Kf7! 28.Db7+ Se7 29.Db3+ Kf8 nichts mehr hilft, gab Naiditsch auf. Vielleicht hatte er nur mit 25...Tf6? gerechnet gehabt, worauf noch 26.De4! möglich gewesen wäre.)
0:1. (Tsp)

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