Schach-WM : Der letzte Mehrkampf am Brett

Heute beginnt in Mexiko die als Turnier ausgetragene Schach-WM – künftig soll sie wieder ein Duell sein.

Martin Breutigam

Berlin - Um sich mal gegen Gestank und Geräusche abzuhärten, übte der frühere Schachweltmeister Michail Botwinnik bei lauter Musik, während ihm sein Trainer Zigarettenrauch ins Gesicht blies. Geraucht werden darf schon lange nicht mehr in den Spielsälen, aber manches Genie bereitet sich immer noch einfallsreich vor; etwa Alexander Morosewitsch, einer von acht Teilnehmern bei der am heutigen Donnerstag in Mexiko beginnenden Schach-WM. „Viele Leute organisieren ihr Trainingslager lieber in warmen Ländern, ich ziehe Sibirien vor“, sagt Morosewitsch. Der Russe verbrachte ein zweiwöchiges Höhentraining im Altai-Gebirge, um sich auf die Bedingungen im 2300 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Mexiko-Stadt einzustellen. „Ich bin mit meinen Freunden den Belucha hochgeklettert. Unser Lager hatten wir an dessen Fuße in 2250 Metern aufgeschlagen“, sagt Morosewitsch. Der Belucha ist nicht irgendein Berg, sondern mit 4506 Metern der höchste in Sibirien. „Hoffentlich bin ich auch beim Schach zum Gipfelsteigen bereit.“

Der 30-jährige Moskauer, Nummer fünf der Welt und berühmt für seinen originellen Stil, rechnet sich durchaus Chancen aus. Die meisten Experten sehen aber eher Weltmeister Wladimir Kramnik oder den Inder Viswanathan Anand vorn. Außerdem werden die Topgroßmeister Aronjan, Leko, Swidler, Gelfand und Grischuk bis Ende September nach tiefgründigen Zügen suchen. „Einen klaren Favoriten gibt es nicht, die Teilnehmer sind etwa gleich stark“, sagt Morosewitsch. Schließlich sei das Format – zweimal jeder gegen jeden – das gleiche wie im Frühjahr beim Superturnier in Morelia/Linares, wo schon fünf der acht WM-Spieler am Start waren. „Nach der ersten Turnierhälfte war ich Letzter, aber in der zweiten wurde ich Erster. Am Ende habe ich den zweiten Platz geteilt. Es kann also alles passieren.“

Nicht zuletzt deswegen hat das Turnier als WM-Format ausgedient. Der Weltschachbund Fide will nach Mexiko zu der über 120 Jahre alten WM-Tradition zurückkehren und die Champions wieder in Duellen ermitteln. Ein Zweikampf um den WM-Titel, das lehrt die Schachhistorie, erfordert höhere Qualitäten, als ein Turnier zu gewinnen.

Auch der Titelverteidiger hat sich zwei Monate lang auf das letzte Turnier vorbereitet. Dabei könnte es Wladimir Kramnik diesmal eigentlich entspannt angehen. Der 32 Jahre alte Russe ließ sich nämlich seine Teilnahme am nächsten WM- Kampf garantieren; auch für den Fall, dass ein anderer in Mexiko Weltmeister wird. Kramnik hatte wie folgt verhandelt: Er stehe für die mit Wilhelm Steinitz 1886 begonnene Linie der klassischen Weltmeister; er habe im Jahr 2000 Garry Kasparow abgelöst, dann seinen Titel gegen Peter Leko verteidigt und die WM-Vereinigung gegen Wesselin Topalow, den damaligen Fide-Weltmeister, gewonnen. Nach schachhistorischer Logik müsse ihn erst mal einer in einem Zweikampf bezwingen. Die Fide folgte diesen Argumenten und beschloss für das kommende Jahr einen WM-Kampf zwischen dem Weltmeister von Mexiko und dessen Vorgänger.

Nach diesem kuriosen Modus müsste Kramnik, falls er seinen Titel in Mexiko verteidigt, wieder gegen Wesselin Topalow antreten. Den grüßt er nicht einmal mehr. Jüngst ist Topalow für seine diffamierenden Äußerungen gegenüber Kramnik, dem er bei der WM 2006 in Elissa (Russland) des Betrugs bezichtigte, mit einem „strengen Verweis“ samt einjähriger Bewährungszeit gerügt worden. Ausgesprochen wurde er von einer mit unabhängigen Juristen besetzten Ethik-Kommission der Fide.

Im Fide-Präsidium sitzen indes ein paar einflussreiche Fürsprecher Topalows. Zwar war der Bulgare vor der Skandal-WM 2006 gegen Kramnik noch dafür, dass der Verlierer des Duells dem Turnier in Mexiko fernbleibt; aber hinterher wollte er, obwohl unterlegen, doch gerne als neunter Mann mitspielen. Als sich gegen diese Variante Widerstand bei den WM-Teilnehmern regte, erfand die Fide kurzerhand ein anderes Privileg: Topalow ist nun für das Kandidatenfinale gegen den kommenden Weltcup-Sieger gesetzt und braucht sich nicht wie alle anderen qualifizieren. Damit wäre für ihn zumindest im nächsten Zyklus ein WM-Kampf greifbar nah.

„Diese Entscheidung ist illegal“, sagte der frühere Weltmeister Anatoli Karpow. Und Viswanathan Anand kommentierte fast resigniert: „Ich rege mich nicht mehr über die Fide auf.“ Der Inder, von Kollegen hoch geschätzt, hat keine Lobby im Weltverband. Doch er hat in diesen Tagen einen, der fest an ihn glaubt. „Anand ist der klare Favorit“, sagt Ex-Weltmeister Kasparow.

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