Schach-WM : Opfer auf beiden Seiten

Viswanathan Anand geht bei der Schach-WM gegen Wladimir Kramnik in Führung. Hier die kommentierten Notationen.

Martin Breutigam[Bonn]

Als Wladimir Kramnik die dritte Partie um die Schach-WM aufgegeben und Weltmeister Viswanathan Anand zum Sieg gratuliert hatte, verschwand der Russe schnell hinter die Bühne. Zum Plaudern hatte er keine Lust mehr nach dieser mit den weißen Steinen erlittenen Niederlage. In der Bonner Bundeskunsthalle war zuvor ein spektakulärer Kampf entbrannt, mit Figurenopfer, Rückopfer und gefährdeten Königen auf beiden Seiten. Der Kulminationspunkt nahte nach fast vier Stunden Spielzeit. „Obwohl ich zwei Bauern weniger hatte, spürte ich, dass die Sache unangenehm werden könnte für ihn“, sagte Anand. Im entscheidenden Moment, im 33. Zug, hatte der Inder dann etwas weiter gerechnet als Kramnik.

Später, in der Pressekonferenz, fanden beide ins Gespräch. „Vielleicht war König b3 eine Rettung und nach Turm c1 folgt a5“, sagte Anand und ratterte noch weitere Züge herunter. „Nach a5 kommt doch e5“, warf Kramnik ein. „Ja, aber dann hast du Turm a4!“, konterte Anand. Diese Verteidigung hatte Kramnik tatsächlich übersehen. Die vierte Partie endete nach 29 Zügen remis. Damit führt Weltmeister Anand nun mit 2,5:1,5.

Kramnik – Anand (3. WM-Partie):

1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6 5.e3 Sbd7 6.Ld3 dxc4 (Damengambit, Meraner Variante.) 7.Lxc4 b5 8.Ld3 a6 9.e4 c5 10.e5 cxd4 11.Sxb5 axb5 12.exf6 gxf6 13.0–0 Db6 14.De2 Lb7 (Normalerweise schützt Schwarz den b-Bauern. Anands 14...Lb7 war Kramnik unbekannt. „Der Zug bietet gute praktische Chancen, obwohl ich nicht ganz an ihn glaube“, sagte Kramnik.) 15.Lxb5 Ld6 16.Td1 Tg8 17.g3 Tg4! (Dies alles hatte Anand vorbereitet. Falls nun z.B. 18.Sd2, folgt das fantastische 18...Ke7!! mit unklaren Folgen, z.B. 19.Lxd7 Tag8! 20.Lb5 Txg3+! 21.hxg3 Txg3+ 22.fxg3 d3+ 23.Df2 Lc5 bzw. 22.Kf1 Lg2+ 23.Ke1 Te3 24.fxe3 Lg3+.) 18.Lf4! (Nach 40-minütigem Nachdenken entschied Kramnik sich für dieses brillante Figurenopfer.) 18...Lxf4 19.Sxd4 h5! (Hier hatte Anand erstmals lange überlegt. Eine höchst komplizierte Lage, beide Seiten sind auf direkten Königsangriff aus.) 20.Sxe6 (Nichts bringt 20.Lxd7+? Kxd7 21.Sxe6+ Ld6.) 20...fxe6 21.Txd7 Kf8 22.Dd3 (Kramnik droht 23.Dh7 nebst Matt. Keine Lösung wäre nun 22...f5??, wegen 23.Dc3 und gewinnt. Möglich ist aber 22...Lxg3!? 23.hxg3 h4, mit der Idee ...Txg3! Weiß könnte dann mit 24.Dd6+ ein Remis forcieren. Doch Anand will offenbar mehr und gibt seine Mehrfigur anders zurück.) 22...Tg7! 23.Txg7 Kxg7 24.gxf4 Td8! 25.De2 (Nicht 25.Dg3+?? Kh8 und der Angriff auf der g-Linie entscheidet.) 25...Kh6 26.Kf1 Tg8 27.a4 Lg2+ 28.Ke1 Lh3! 29.Ta3?! (Laut Kramnik wäre es nach 29.Td1 vielleicht etwas einfacher gewesen, das Gleichgewicht zu halten.) 29...Tg1+ 30.Kd2 Dd4+ 31.Kc2 Lg4 (Genauer war wohl gleich 31...Lf5+.) 32.f3? („Ein schrecklicher Zug“, sagte Kramnik hinterher. Mit 32.Td3 hätte er gute Remischancen behalten, z.B. 32...Lf5 33.Kb3 Lxd3 34.Dxd3 und der a-Bauer wird stark.) 32...Lf5+ 33.Ld3?? (Der Verlustzug. Anand zeigte die zäheste Verteidigung 33.Kb3! Tc1 34.a5!, und weiter z.B. 34...e5 35.Ta4! oder 34...Dd5+ 35.Lc4 oder 34...Tc2 35.Dxc2 Lxc2+ 36.Kxc2 Dc5+ 37.Kb1 Dxb5 38.a6.) 33...Lh3 (A tempo gespielt. Offenbar hatte Anand vorhergesehen, dass die Drohung ...Tg2 gewinnt.) 34.a5 Tg2 35.a6 Txe2+ 36.Lxe2 Lf5+ 37.Kb3 De3+ 38.Ka2 Dxe2 39.a7 Dc4+ 40.Ka1 Df1+ 41.Ka2 Lb1+ (Kramnik gab auf. Als Nächstes fällt der Bauer b2 mit Schachgebot, z.B. 42.Kb3 Db5+ 43.Kc3 Dc5+ 44.Kb3 Dc2+.) – 0:1.

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