Schachspieler Carlsen : Unerbittlich am Brett

Schachspieler Carlsen stellt neuen Rekord auf.

Martin Breutigam

Berlin - Obwohl Magnus Carlsen derzeit weder Herausforderer geschweige denn Weltmeister ist, bezweifelt kaum jemand, dass es sich bei dem 22 Jahre alten Norweger um den weltbesten Schachspieler handelt. Mit einigem Recht könnte man ihn nun sogar als den besten Spieler aller Zeiten bezeichnen, zumindest hat Carlsen etwas Einmaliges geschafft: In der Weltrangliste vom 1. Januar 2013 wird hinter seinem Namen die erstaunliche Wertungszahl 2861 stehen. Damit hat Carlsen die bisherige Bestmarke von Garry Kasparow übertroffen, der im Jahr 1999 auf 2851 Punkte kam. Auch Viswanathan Anand, der amtierende Weltmeister, staunt und lobt: „Was Magnus erreicht hat, ist etwas für die Rekordbücher.“

Seit 1970 erstellt der Weltschachbund Fide auf Grundlage der Turnierergebnisse und mithilfe des so genannten Elo-Systems die Ranglisten. Der US-Amerikaner Bobby Fischer hatte beispielsweise 2785 Punkte nach seinem Titelgewinn im Jahr 1972. Und Anatoli Karpow 2705, als er Fischer 1975 kampflos ablöste. Quervergleiche zu früheren Generationen gelten aber als zweifelhaft, denn einerseits ist eine gewisse Eloinflation zu beobachten, andererseits sind inzwischen das allgemeine Schachwissen und -niveau erheblich gestiegen. Oder anders ausgedrückt: Carlsen spielt heute kenntnisreicher als früher Fischer, Karpow oder Kasparow.

Naheliegender erscheint die Frage, was Carlsens aktuelle Dominanz ausmacht, etwa gegenüber Weltmeister Anand, der mit 2772 Elopunkten auf Rang sieben abgerutscht ist. „Magnus hat einen unerbittlichen Stil und ist in der Lage, jede Stellung zu seinem Vorteil zu maximieren“, sagt Anand.

Dabei ist Carlsens Auftreten jenseits des Brettes freundlich und bescheiden. Finanziell ist er längst unabhängig, neben den Start- und Preisgeldern verbucht er Werbeeinnahmen für ein Modelabel. Schach hat Carlsen nach seinem jüngsten Erfolg beim Classics in London als „ein Spaßspiel“ definiert. Tatsächlich wirkt er keineswegs besessen wie einst Bobby Fischer oder so ehrgeizig wie Garry Kasparow, der von 2009 an ein Jahr lang mit Carlsen trainierte und ihm damals einen Spielstil wie Anatoli Karpow attestierte. Auch Carlsen forciert die Dinge in der Regel nicht, sondern manövriert gern mal mit seinen Figuren. Am Ende setzt sich dann meist sein tieferes Schachverständnis durch. Und wie sieht es Karpow selbst? „Ja“, antwortete der inzwischen 61-jährige per E-Mail, „Carlsens Stil ähnelt meinem.“ Außerdem könnte der Norweger schon Weltmeister sein, wenn er am letzten WM-Zyklus teilgenommen hätte, schreibt Karpow.

Carlsen tat das nicht, weil ihm das Wettkampfsystem nicht gefiel. Das nächste Kandidatenturnier, in der zweiten Märzhälfte in London, wird er aber mitspielen. Und mit welcher Einstellung will er versuchen, Anands Herausforderer zu werden? „Einfach so weitermachen und Spaß haben“, sagt Carlsen. Martin Breutigam

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