Sport : Schalke 04: Mit der Schale aus der Schüssel

Arnulf Beckmann

Auf Schalke können sie mit Sentimentalitäten umgehen. Wie anders ist es zu erklären, dass der "Schalker Kreisel", die offizielle Stadionzeitschrift, einem langjährigen Wegbegleiter einen ganzseitigen Abschiedsbrief widmete: dem Parkstadion. Nur noch ein einziges Mal werden dort in der Nordkurve die blau-weißen Fahnen wehen und die Gesänge der Fans wiederhallen. Am letzten Spieltag gastiert Unterhaching in Gelsenkirchen. Dann ist Schluss. Dass die Glaubensgemeinschaft ihr hassgeliebtes Beton-Unding aus dem Beginn der 70er Jahre auf besondere Art verlassen will, wer mag es ihr verdenken. "Mit der Schale aus der Schüssel" forderten 58 300 Besucher schon vor dem Anpfiff des Spiels ihres Teams gegen den VfL Wolfsburg.

Ihre Lieblinge indes wirkten über weite Strecken der Begegnung keineswegs so, als wollten sie dem Wunsch ihres Anhangs Genüge tun. Boshaftigkeit mag ihnen dabei sicher keiner unterstellen. Schließlich wittern die Spieler die historische Chance selbst schon seit Wochen. Doch offenbar macht die nervöse Ungeduld des Umfeldes, nach 43 Jahren wieder einmal Deutscher Meister werden zu können, den Profis die Beine schwer. "Wir waren heute sehr unruhig", fand auch Huub Stevens.

Für den Trainer der Schalker dürfte es deshalb um so erfreulicher gewesen sein, dass er am Ende eines müden Kicks dennoch einen 2:1-Sieg und drei wichtige Punkte auf der Haben-Seite verbuchen konnte. Zwei spielerische Glanzpunkte innerhalb von 70 Sekunden langten, um einen bis dahin besseren Gegner aus der Grauzone der Tabelle zu bezwingen. Ebbe Sand in der 32. und Emile Mpenza in der 34. Minute sorgten für einen beruhigenden Vorsprung - mehr war nicht. "Im Spiel nach vorn", da widersprach auch Andreas Möller nicht, "haben wir heute sehr unglücklich agiert."

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Tipp-Spiel: Wer wird Deutscher Meister? In der Schlussphase des Spiels sah das ganz anders aus. Juskowiaks Anschlusstreffer in der 89. Minute folgte in der Nachspielzeit ein Wolfsburger Pfostentreffer durch Maric, der aufgrund des nahezu zeitgleichen Siegtreffers der Bayern den Schalker Anhang jäh aus den verwegensten Träumen rissen. Glück gehabt. Rudi Assauer indes blieb kühl bis ans Herz. "Die Ausgangsposition für die letzten zwei Spiele", konstatierte Schalkes Manager, "ist weiterhin unverändert."

Was nicht ganz stimmt: Mit dem Heimsieg Nummer elf in dieser Saison qualifizierte sich Schalke für die Vorausscheidung der Champions League. Den noch fehlenden Punkt für die Direktqualifikation können die Schalker in Stuttgart und daheim gegen Unterhaching einfahren. "Wir haben in dieser Saison so viel erreicht", sagt Assauer, "wir können jetzt nur noch gewinnen."

Am liebsten natürlich die Meisterschaft. Aber Assauer wäre nicht Assauer, ließe er sich zu einer solchen Äußerung hinreißen. Lieber ergeht sich der Zigarre rauchende Manager in Zahlenspielen. Mit dem Geldregen, der in der kommenden Saison über Schalke niedergehen wird, eröffnen sich neue Perspektiven. Gerade eben wurde Vollzug gemeldet bei den Vertragsverhandlungen mit einem neuen Sponsor, der 12 Millionen Mark pro Jahr zahlt. Dazu die Einnahmen aus der Champions League und der Imagegewinn durch die "Arena auf Schalke", dem modernsten Stadion Europas. Nicht schlecht für einen einstigen Skandalklub.

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