Schiedsrichterstreit sorgt für Chaos in der NFL : Hobbits unter Herdentieren

An den ersten zwei Spieltagen sind in der National Football League so viele Fehlentscheidungen getroffen worden, dass Spieler und Trainer stocksauer sind. Grund dafür ist ein Gehälterstreit zwischen den Schiedsrichtern und der Liga.

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Das kann doch nicht dein Ernst sein. Mike Smith, Coach der Atlanta Falcons, echauffiert sich ob der Schiedsrichter-Leistungen an den ersten zwei NFL-Spieltagen. Foto: dpa
Das kann doch nicht dein Ernst sein. Mike Smith, Coach der Atlanta Falcons, echauffiert sich ob der Schiedsrichter-Leistungen an...Foto: dpa

Berlin - Rex Ryan rannte aufs Spielfeld, wutentbrannt warf der Trainer der New York Jets die rote Flagge – das Zeichen für die sogenannte „Coach’s Challenge“. Diese Intervention erlaubt es jedem Trainer der US-amerikanischen National Football League (NFL), umstrittene Schiedsrichterentscheidungen noch einmal überprüfen zu lassen. Zweimal pro Begegnung dürfen die Coaches auf den Videobeweis zurückgreifen. „Im Moment“, sagte Ryan nach der 10:27-Niederlage seines Teams gegen die Pittsburgh Steelers, „hätte ich am liebsten zehn Challenges pro Spiel zur Verfügung.“ An den ersten zwei Spieltagen sind in der populärsten Liga des Landes so viele hanebüchene Fehlentscheidungen getroffen worden, dass Spieler und Trainer stocksauer sind.

Grund dafür ist ein Gehälterstreit zwischen den Schiedsrichtern und der Liga. Die NFL wünscht sich professionelle Unparteiische, die ausschließlich als solche und nicht in lukrativen Nebenjobs arbeiten, die Referees verlangen eine entsprechend bessere Bezahlung. Weil sich beide Parteien bislang nicht einigen konnten, sperrte die Liga die Unparteiischen kurzerhand aus – und ersetzte sie durch weit weniger erfahrene Referees aus tieferen Spielklassen.

Amateure pfeifen Profi-Liga, sie schlichten Keilereien, wie sie beim Football üblich sind, und wirken dabei wie Hobbits unter muskelbepackten Herdentieren mit Helm und Uniform. Einerseits könnte die Saison ohne die „Replacement Referees“ nicht fortgesetzt werden, andererseits verlieren die Teams ob deren Hilflosigkeit die Lust am Spiel. Das gilt besonders für die herausragenden Offensivspieler der Liga, die von ihren Gegenspielern nun oft mit unlauteren Mitteln bearbeitet werden. „Die Verteidiger haben mitbekommen, dass sie fast alles machen können, was normalerweise bestraft wird“, sagt der zweifache Super-Bowl-Gewinner Rodney Harrison, der heute als TV-Experte arbeitet. Und der ehemalige Spieler der New England Patriots gibt zu bedenken: „Lange kann es unter diesen Umständen nicht weitergehen.“ Die ohnehin große Verletzungsgefahr in der sehr physischen Sportart potenziert sich in Anbetracht der geradezu anarchischen Verhältnisse. Mindestens drei Wochen lang müssen sich die Profis nach aktuellem Stand nun wohl noch mit dieser eigentlich untragbaren Situation arrangieren.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Ersatz-Schiedsrichter nicht nur auf dem Spielfeld keine gute Figur abgeben. Brian Stropolo zum Beispiel ließ sich auf einer privaten Feier im Trikot seines Lieblingsteams, der New Orleans Saints, ablichten. Die Fotos machten die Runde bei Facebook. Offenbar hatte der Referee die Tragweite dieser Aktion nicht richtig eingeschätzt – er sollte wenige Tage später die Begegnung zwischen den Carolina Panthers und, genau: den New Orleans Saints leiten. Stropolos Objektivität wurde infrage gestellt, die NFL setzte neue Referees für das Spiel an. Ersatz-Ersatz-Schiedsrichter sozusagen.

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