Sport : Schiefe Töne beim Karaoke

Red Bull hat das Formel-1-Rennen in Silverstone zwar gewonnen. Aber nach Mark Webbers Kritik ist das Team zerstrittener denn je – nur Sebastian Vettel bleibt gelassen

Karin Sturm[Silverstone]

Nicht alle auf der Party sind in Feierlaune. Als sich das Formel-1-Team von Red Bull am Sonntagabend nur wenige Kilometer von der Rennstrecke in Silverstone im ländlichen Anwesen von Teamchef Christian Horner zum Feiern trifft, ist die Distanz zwischen den wichtigsten Angestellten deutlich zu spüren. Während sich Horner zusammen mit seinem ehemaligen Fahrer David Coulthard als Karaoke-Sänger versucht, wirkt Mark Webber trotz seines Grand-Prix-Sieges wenige Stunden zuvor immer noch aggressiv und angespannt. Sein unterlegender Kollege Sebastian Vettel in der anderen Ecke des Raumes hingen ist erstaunlich locker und gut gelaunt. Der Deutsche amüsiert sich köstlich, als Chefdesigner Adrian Newey in seinem Privatauto Horners schön gepflegten Rasen umpflügt.

Christian Horner hat zurzeit andere Sorgen als seinen Garten. Der mit 36 Jahren jüngste Teamchef der Formel 1versuchte, den Abend zu genießen – in dem Wissen, dass ihm die bisher schwierigste Aufgabe seiner Laufbahn bevorsteht: Er muss verhindern, dass Red Bull den möglichen WM-Titel verfehlt, weil der Stallkrieg zwischen Mark Webber und Sebastian Vettel weiter eskaliert. Ein Krieg, der zum großen Teil hausgemacht ist – auch, weil die Teamführung mehr als unglücklich agiert. Seit der Kollision zwischen Vettel und Webber in Istanbul ist bei Red Bull nie mehr wirklich Frieden eingekehrt. Webber ärgerte sich weiterhin darüber, dass er in der Türkei die Anweisung bekommen sollte, den schnelleren Vettel nicht weiter aufzuhalten – die ihm sein Renningenieur dann nicht weitergab, was wiederum Vettel nicht wusste – mit dem Ergebnis eines Crashs. Auch wenn die Red-Bull-Chefs diese Tatsache eine Woche später dementierten – die Fakten waren da, Webber war sauer, weil er sich als Nummer zwei fühlte. Vettel grollte auch etwas, weil er keine Rückendeckung bekam. Auch nicht von Helmut Marko, dem Motorsportdirektor bei Red Bull und verlängerten Arm von Geldgeber Dietrich Mateschitz.

Es sind Mateschitz und vor allem Marko, von denen Webber sich bedroht fühlt und die er eindeutig als Vettel-Unterstützer ausgemacht hat. Am Sonntag sagte er, er hätte nie einen neuen Vertrag bei dem Rennstall unterschrieben, „hätte ich gewusst, dass ich so behandelt werde“. Solche Töne hört gerade Mateschitz gar nicht gern. Auch Horner meinte schon bissig: „Wir haben ihm ein Auto gegeben, mit dem er vorne mitfahren, gewinnen und um die WM fahren kann. Ich bezweifle sehr, dass er weggehen wird.“

Webbers Kritik kommt auch deswegen bei seinen Chefs nicht gut an, weil der Auslöser nicht überzeugend ist. Der Australier beschwerte sich über die Entscheidung des Teams, am Samstag vor dem Qualifying den einzigen noch heilen neuen Frontflügel an Vettel zu geben. Noch am Freitag war Webber von dem neuen Teil noch gar nicht so begeistert gewesen und hatte gemeint, es bringe ihm eher nichts. Aus Teamsicht ist die Einstellung, ein nur noch einmal vorhandenes Teil dem in der WM besser platzierten Fahrer zu geben, nicht ganz ungewöhnlich. Horner bleibt dabei: „Wir werden das auch in Zukunft so machen.“ Womit dann der wieder vorn liegende Webber der Begünstigte wäre.

Erstaunlich abgeklärt bleibt in dem ganzen Theater nur Sebastian Vettel. „Für mich ist das Wichtigste, dass man sowohl auf der Rennstrecke als auch neben der Rennstrecke immer den nötigen Respekt voreinander hat“, sagt Vettel. Seine einzige Erkenntnis: „Manchmal lernt man Leute kennen, sowohl in guten als auch in schlechten Situationen und zieht seine Schlüsse daraus.“ Für ihn sei das Wichtigste „die Atmosphäre im Team. Wir haben ein sehr starkes Auto und können uns eigentlich nur selbst im Weg stehen.“ Im Moment sieht es so aus, als sei genau das der Fall bei Red Bull.

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