Sport : Schnelle Ehrenrunden

Claudia Pechstein kämpft bei der deutschen Meisterschaft um Erfolg und Ehre

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Dehnbar. Claudia Pechstein bei der Vorbereitung auf ein Rennen. Foto: dpa
Dehnbar. Claudia Pechstein bei der Vorbereitung auf ein Rennen. Foto: dpaFoto: dpa

Stephan Gneupel, der Mehrkampf-Bundestrainer der deutschen Eisschnellläufer, sitzt auf einem blauen Sofa in der rustikalen Holzhütte gleich neben der futuristischen Eisschnelllauf-Halle in Inzell und zögert eine Sekunde lang. Er redet über Claudia Pechstein, aber er weiß nicht genau, wie er sie loben soll. „Sie bewegt sich auf einem guten Leistungsniveau“, sagt er, „aber“ – Pause – „ich weiß jetzt nicht. Na ja, auf Rekordniveau ist sie noch nicht. Aber sie ist in guter Verfassung. Sie könnte hier dem einen oder anderen Freude bereiten.“

Bei den deutschen Eisschnelllauf-Meisterschaften, meint er. Die finden an diesem Wochenende in der Halle neben der Hütte statt. Mit Pechstein, der fünfmaligen Olympiasiegerin, der Frau, die vehement gegen ihre zweijährige Dopingsperre gekämpft hat und weiter kämpft.

Die 39-Jährige wird auf allen Strecken außer über 500 Meter starten. Aber Inzell ist natürlich nur eine weitere Zwischenstation ihrer großen Mission. Sie will sich sportlich die Ehre zurückerkämpfen, die ihr nach ihrer Ansicht durch ihren Doping-Fall genommen wurde. „Diesen Dopingstempel werde ich nie wieder los“, sagte sie der Deutschen Presseagentur.

Bei der Einzelstrecken-WM in Heerenveen peilt sie eine Medaille an, im Mehrkampf möchte sie ebenfalls auf dem Treppchen stehen, ob bei der EM oder der WM ist ihr dabei egal. Und dann natürlich, als Fernziel: eine Medaille bei den Olympischen Spielen 2014. Ihre zehnte. Das wäre ihr größter Triumph.

Ein ziemlich anspruchsvolles Programm für eine Frau, die bald 40 Jahre alt ist. Aber das Thema Alter geht sie an wie eine ihrer vielen sportlichen Herausforderungen: ein Problem, das mit genügend Willen zu lösen ist. Mit 40 wäre sie die älteste Weltmeisterin, die es je gab. Na und? „Ich möchte immer Rekorde brechen. Mit meinem Dopingfall bin ich ja auch in die Geschichte eingegangen.“

Mit Kampfgeist, eiserner Disziplin und enormem Siegeswillen allein wird sie nicht mehr groß weiterkommen. Dafür hat sie ein bisschen zu viele Baustellen zu managen. Das Geld ist so ein Problempunkt. Sie hat derzeit unbezahlten Urlaub, ihr Antrag auf Rückkehr in die Sportfördergruppe der Bundespolizei läuft. Sie lebt von ihren Rücklagen, von Sponsoreneinnahmen. Aber sie hat enorme Kosten aufgrund ihrer Verfahren.

Das Geld wird wohl mittlerweile knapp, nur so ist es zu erklären, dass Pechstein einen Antrag auf Sporthilfe gestellt hat. Zuletzt hatte sie im November 2004 diese Unterstützung erhalten. Weil sie dann immense Sponsoreneinnahmen verbuchte, verzichtete sie freiwillig auf Sporthilfe. „Ich hoffe sehr, dass eine faire Entscheidung getroffen wird“, sagt Pechstein. Ihr Misstrauen, ihr Gefühl, schlecht behandelt zu werden, ist mit Händen zu greifen.

Es dürfte aber noch interessant werden, wie sie ein Vertrauensverhältnis zu dem Verband wieder aufbaut, für den sie startet, und den sie aber zugleich auf Schadensersatz verklagen möchte. Von der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft fordert sie eine „astronomische Summe“, sie soll „siebenstellig“ ausfallen. Der deutsche Verband hatte bisher immer zu ihr gestanden. Pechstein hofft aber wohl, über diese Klage an die Instanz heranzukommen, gegen die sie am meisten Groll hegt: die Internationale Eislauf-Union (ISU). Die ISU hatte Pechstein zwei Jahre gesperrt.

Diese Zielstrebigkeit, verbunden mit rustikalem verbalem Auftreten, sind der Grund, dass Claudia Pechstein in der Nationalmannschaft, aber auch außerhalb als Reizfigur, mitunter sogar als Nervensäge gilt. Ihr Streit mit Stephanie Beckert ist mittlerweile legendär, Pechstein hätte ihn am liebsten handfest beendet, schreibt sie in ihrer Biographie. Noch eine Baustelle, aber die hat Claudia Pechstein mittlerweile abgebaut, sagt sie zumindest. Selbst sie erkennt, dass sie nicht zu viele Baustellen managen kann. „Es gibt definitiv keinen Zickenkrieg mehr“, erklärt die 39-Jährige. „Stephanie und ich haben uns unterhalten, wir haben auch zusammen trainiert.“

Aber soweit, dass Pechstein der Kollegin Beckert sogar Freude bereitet, wenn sie in Inzell einen Titel gewinnt, so weit dürfte die Harmonie dann wohl doch nicht gehen.

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