Sport : „Schönheit darf das Scheitern riskieren“

Günter Netzer über ästhetischen Fußball und den eigenen Weg der deutschen Mannschaft

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Herr Netzer, was ist schöner Fußball?

Schön zu gewinnen. Kultiviert zu spielen und damit Erfolg zu haben. Ich bin sicher, wir werden davon in den nächsten Wochen eine Menge sehen. Ich setze auf eine stimmungsvolle Europameisterschaft, und ich rechne auch mit einer sportlich stimmungsvollen EM.

Erfolg also ist das Ziel. Demnach ist effektiver Fußball auch schöner Fußball. Der defensive Champions-League-Gewinner FC Porto hat also eine ästhetische Viererkette?

Im Sinne von kultiviert spielen und Erfolg haben, ja. Ich zolle denen schon meinen größten Respekt, die Mannschaft zeigt die Handschrift ihres Trainers, er hat sie erreicht mit seinen Wünschen, und sie hat diese umgesetzt. Also haben die eine großartige Leistung geboten. Aber auch eine schöne?

Erfolg geht nun mal im Fußball über Schönheit.

Der FC Porto hat ja eigentlich wunderbare Fußballspieler in seinen Reihen. Das sind ja keine Bauernfußballer, keine Brachialtreter. Aber Sie haben natürlich Recht, der Erfolg zählt, Sinn und Zweck des Spiels ist es, erfolgreich zu sein. Und dann hat man eigentlich ruhig zu sein. Nur, reicht uns das? Mir nicht, eine erstklassige Mannschaft darf nicht nur erfolgreich sein. Ich möchte schon auch auf dem Platz etwas Besonderes sehen.

Dann riskiert Schönheit aber auch immer das Scheitern?

Das war ja mein Streit mit Hennes Weisweiler, als Spieler in Mönchengladbach. Wir wurden immer gelobt, weil wir so tollen Fußball spielten. Und die anderen holten die Punkte. Und trotzdem sage ich: Schöner Fußball darf das Scheitern riskieren. Es darf nur kein Dauerzustand werden.

Was für ein Gefüge muss eine Mannschaft haben, die schönen Fußball spielt?

Mit Spielsystemen hat Schönheit im Fußball nichts zu tun. Das Ideal war der FC Barcelona unter Johan Cruyff. Das war Schönheit, Dominanz, Tempo und große Klasse. Da waren physische Fitness und technische Fertigkeiten, mit denen man gar nicht erst darüber nachdenken muss, was mit dem Ball passiert. Das geht, anders als zu meiner aktiven Zeit, schon in der Abwehr los. Jeder einzelne Spieler ist dafür verantwortlich. Bei Cruyff mussten die Abwehrspieler stürmen, die Mittelfeldspieler arbeiten und Tore schießen und die Stürmer notfalls auch mal im Mittelfeld aushelfen. Aber dazu kam es ja meistens nicht.

Dann braucht eine moderne Mannschaft keinen Dirigenten mehr, keinen Regisseur?

Sie sind weitgehend verschwunden, ja, das stimmt. Und sie werden mitunter sogar verteufelt. Welcher Trainer würde sich schon noch erlauben, einem Spieler die Freiheiten zu gewähren, die mir oder Wolfgang Overath gewährt wurden? Der hätte doch sofort Ärger im Mannschaftsgefüge. Ein klassischer Spielmacher birgt ja auch große Risiken. Bei uns hat es auch immer geheißen, schaltet den Netzer aus, schaltet den Overath aus, und ihr habt die Mannschaft ausgeschaltet.

Dann ist es doch gar nicht so schlimm, dass Michael Ballack im deutschen Team nicht die Regie übernehmen kann.

Schlimm wird es, wenn man ihm diese Rolle diktiert. Das war ja das, was ich immer gesagt habe. Ich halte Ballack für einen wunderbaren Fußballer, aber die Rolle, die man beim FC Bayern von ihm erwartet hat, die des Spielmachers, die kann er nicht ausfüllen. Er ist kein Nachfolger Wolfgang Overaths…

… oder Günter Netzers…

Ja, ja, schon gut. Ähnlich ist es ja früher auch Lothar Matthäus eine Zeit lang ergangen, als man ihm die Zehn gab und die Verantwortung. Weder war Matthäus Denker und Lenker eines Spiels, noch wollte und konnte er die Verantwortung für das Spiel übernehmen.

Was also muss Ballack spielen, um wertvoll für die deutsche Mannschaft zu sein?

Er ist der beste Kopfballspieler der Welt, er verfügt über eine herausragende Schusstechnik rechts und links, er ist torgefährlich, er ist offensiver Mittelfeldspieler. In der Position hat er für Bayer Leverkusen und in der Nationalmannschaft Weltklasse erreicht. Aber Spielmacher ist er nicht. Wenn man aufhört, ihn in diese Position zu drängen, wird auch die Mannschaft ihn nicht als Spielmacher suchen, sondern jeder einzelne die Verantwortung übernehmen.

Hierarchien in einer Mannschaft sind aber schon auch noch wichtig?

Aber ja, und an der Spitze wird natürlicherweise der beste Fußballspieler eines Teams stehen. Der kann schweigsam sein wie Zidane. Zinedine Zidane spricht ja nicht viel, der ist einfach nur da und leistet. Oder Cruyff in seiner besten Zeit. Der hat nur gezeigt, hat still seine Anweisungen gegeben. Und ich habe die meiste Kraft mit Schreien verbraucht, nicht mit dem Laufen. Das Problem der deutschen Mannschaft ist, dass keiner diese hierarchische Spitze übernehmen will, egal, ob schreiend, zeigend oder schweigend. Ballack ist der beste Spieler im Team, kann aber die Hierarchie nur anführen, wenn er das auch im Spiel zeigen kann. Und dazu muss er an anderer Position spielen als beim FC Bayern.

Sonst wird es eine fürchterliche EM für die deutsche Mannschaft?

Nicht zwingend. Sie muss halt ihren eigenen Weg finden, so wie 2002 in Asien. Das hat uns zwar alle gewundert, lässt uns aber auf eine Wiederholung hoffen. Wenn Ballack weiter vorne spielen kann und dort so begeisternd spielt wie früher, dann kann die Mannschaft diesen Weg finden. Wenn Ballack aber weiterhin wie bei seinem Verein Schwierigkeiten hat, sich als Fußballer zu definieren, sehe ich nicht so rosig in die EM. Wenn wir schon zwei Stürmer haben, die das Tor kaum treffen, muss es eben Ballack machen.

Gehört nicht zu einem Weltklassespieler auch die Fähigkeit, sich durchzusetzen?

Erst einmal muss doch der Verein wissen, was für einen Spieler er holt. Ich habe Ballack ein paar Mal in München gesehen, und er kann nun wirklich nicht zufrieden sein mit dieser Saison. Aber hat er sich genug gekümmert, dass er seine Fähigkeiten zeigen kann? Er hat sich einmal öffentlich gekümmert in einem Interview, das war der falsche Weg. Hat er sich auch intern gekümmert? Ich weiß es nicht, ich habe mit Weisweiler jeden Tag gestritten. Vielleicht fehlt Ballack die Konfliktbereitschaft.

Ein gut positionierter und gut aufgelegter Michael Ballack also kann für eine positive EM sorgen.

Er wird in diesem Fall ein erhebliches Stück dazu beitragen. Nach den Vorbereitungsspielen haben aber auch alle anderen gesagt, dass sie jetzt auf den Knopf drücken können, dass die Freundschaftsspiele nicht zählen, dass da die Beine schwer waren und, und, und, was da alles geredet wurde. Dann hoffen wir mal, dass sie diesen Knopf auch finden.

Hören wir Zweifel im Unterton?

Keineswegs. Ich hoffe wirklich auf den Umschwung. Ich warne nämlich davor, eine Welt- oder Europameisterschaft zu opfern, um sich dann nicht mehr vom Weltmeisterschaftsfinale blenden zu lassen, um das wahre Leistungsvermögen zu erkennen, um dann Konsequenzen zu ziehen. Wir sind doch schon im Umbruch und haben Konsequenzen aus der Katastrophe der EM 2000 gezogen.

2000 scheiterten die Deutschen in der Vorrunde mit einem Punkt und einem Tor…

… und rückblickend war das notwendig. Bis dahin nämlich haben doch alle geglaubt, der deutsche Fußball sei per Naturgesetz Weltklasse. 50 Jahre Weltspitze, ein unerschöpfliches Reservoir an Spielern, die vom Baum fallen oder von der Straße kommen. Kamen sie aber nicht mehr, und wir hatten keine Ausbildungskonzepte. Das hat sich geändert. Wir bauen nach und nach gut ausgebildeten Nachwuchs in die Nationalmannschaft ein. Den Verzicht zum Beispiel auf Martin Max kann man als Beleg nehmen, dass perspektivisch gearbeitet wird. Und trotzdem treten wir in Portugal ja nicht mit B-Jugendlichen an.

Sie meinen, einen Bonus für die Aufbauarbeit sollten wir nicht einräumen?

Nein, warum? Das sind ja keine Anfänger, die da spielen, und solche Leute wie Podolski und Schweinsteiger werden schon nicht in die Situation kommen, dass von ihnen die Rettung der Republik erwartet wird.

Zu den Favoriten brauchen wir Deutschland aber nicht zu zählen?

Frankreich sollte man wohl zuerst nennen. Ich rechne aber sehr damit, dass aus der deutschen Gruppe zwei Teams in den Halbfinals stehen.

Die Niederlande und Tschechien.

Da werde ich mich nicht festlegen. Aber ich werde Italien noch nennen als Titelkandidaten.

Italien? Ausgerechnet Sie als Prediger der Schönheit tippen auf Italien, wo Trainer Trapattoni aller Ästhetik den Garaus macht?

Er hat dafür ordentlich Prügel bekommen, zuletzt bei der WM gegen Südkorea, wo er den möglichen Titel verspielt hat. Inzwischen aber haben die Italiener eine wunderbare Mischung, hinten stehen Klopper drin, und vorne agieren so wunderbare Fußballspieler wie Del Piero und Totti. Wenn die Italiener nicht wieder in ihren Philosophiestreit verfallen, können sie in Portugal alles erreichen.

Das Gespräch führten Armin Lehmann und Helmut Schümann.

DER SPIELER

Seinen Ruhm erlangte Günter Netzer, heute 59, vor allem weniger durch seine Erfolge als durch seine Spielweise. Er galt als genialer Spielmacher sowohl in seinem Verein Borussia Mönchengladbach, mit dem er 1970 und 1971 Deutscher Meister wurde, als auch in der Nationalmannschaft, mit der er 1972 Europameister wurde. Netzer gehörte auch zum Kader, der bei der WM 1974 im eigenen Land siegte. Aber er spielte dabei nur einmal – beim 0:1 gegen die DDR.

DER UNTERNEHMER

Netzers erste wichtige wirtschaftliche Aufgabe im Fußball war die des Managers beim Hamburger SV zwischen 1978 und 1986. Anschließend wechselte Netzer ins Sportmarketing. Als die Kirch-Gruppe zusammenbrach, gelang es Netzer zusammen mit Kollegen, die Kirch Sport AG zu übernehmen und sich damit eine mächtige Position auf dem Markt der Sportfernsehrechte zu verschaffen. Netzer wandelte die Kirch Sport AG in die Infront Sports & Media AG um. Mit ihr hält er unter anderem die Rechte an der WM 2006.

DER MEDIENMANN

Zuerst verpflichtete ihn das Schweizer Fernsehen als Fußball-Kommentator, ehe Netzer einen Vertrag bei der ARD unterschrieb. Das Zusammenspiel mit Moderator Gerhard Delling wurde 2000 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

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