Sport : Schrittmacher am Vorderrad

Was ein Motorradfahrer bei den Sixdays macht

Mathias Klappenbach

Berlin - Vor der letzten Kurve gibt Bruno noch einmal so richtig Gas. Er hat die Außenbahn gewählt, den längeren Weg also. Für Bruno kein Problem, mehr eines für den Radfahrer hinter ihm. Aber Danny Stam tritt genau im richtigen Moment an und gewinnt diesen Derny-Lauf beim Berliner Sechstagerennen. Auch Bruno lächelt glücklich im Ziel. Es war seine zigtausendste Runde auf den Radrennbahnen Europas und sein soundsovielter Sieg. Bruno ist Bruno Walrave, er fährt seit 50 Jahren mit. Allerdings nie auf dem Fahrrad, sondern immer nur als Schrittmacher auf dem Derny. So heißt die Knatterkiste, mit der er das Tempo für den Radfahrer vorgibt. Der Hallensprecher im Velodrom nennt sie „Trabi auf zwei Rädern“.

Ein Franzose mit Namen Derny hat diese Leichtmotorräder vor 100 Jahren erfunden, viel verändert wurde im Laufe der Jahrzehnte nicht. Bruno muss mit zwei Tretkurbeln auch körperlich mitarbeiten, um den nötigen Gleichlauf zu erzielen. Mit den sieben PS sind Geschwindigkeiten bis zu 80 Kilometer pro Stunde möglich. „Vor 20 Jahren gab es mal neue Motoren. Und auf den offenen Bahnen hatten wir früher keinen Auspuff. Das war spektakulärer“, sagt Walrave, der mit seinem Rennoverall und der wie ein wertvolles Liebhaberstück anmutenden Maschine auch für einen Bildband über die Fünfzigerjahre posieren könnte.

Walrave wurde 1939 in Amsterdam geboren, sein Spielplatz war die 100 Meter entfernte Radrennbahn. Erst darf er Reifen aufpumpen und Fahrräder tragen, später, als er 16 ist, fällt ein Derny-Fahrer aus. Bruno steigt auf den Sattel und eigentlich nie mehr herunter. „Das ist mein Beruf, ich lebe davon“, sagt er. Das können nicht viele Schrittmacher von sich sagen. „Ich bekomme ein bisschen mehr, weil ich bekannter bin und so viele Erfolge habe.“ Weltmeister war er 15 Mal, die nationalen Meisterschaften mit Bahnradfahrern aus verschiedenen Ländern und die Siege bei seinen mehr als 400 Sechstagerennen hat niemand genau gezählt. Ist das nicht langweilig, immer mit dem Moped im Kreis? „Ich fahre nicht, so lange es noch geht. Aber so lange es noch Spaß macht“, sagt der sehr fit wirkende Mittsechziger.

Walrave ist der erfolgreichste Schrittmacher der Welt, obwohl er als einziger seiner Kollegen keine Rennen auf dem Rad gefahren ist. „Ich habe lange gebraucht, um die ganzen Taktikmöglichkeiten zu verstehen“, sagt Walrave. Dennoch wurde er ein begehrter Partner für die Fahrer. Er war schon mit dem Vater von Danny Stam, mit dem er im Velodrom als Erster durchs Ziel rauscht, Weltmeister. Im Lärm der 10 000 Zuschauer, der Dernys und der Musik im Velodrom bleibt es rätselhaft, wie sich die beiden miteinander verständigen. Wenn der Fahrer „allez“ brüllt, kann er noch ein bisschen schneller, „ho“ heißt „nicht so schnell“. Im Wesentlichen aber ist der Schrittmacher für Renntaktik und Tempo verantwortlich. Der Radfahrer fährt wegen des idealen Windschattens nur wenige Zentimeter hinter dem Derny her. Aus der Ferne scheint es, als seien Motorrad und Fahrrad aneinander geschweißt. Aber Bruno Walrave fährt vor, und der andere muss hinterher.

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