Sport : Schumachers Privileg gilt nicht mehr

KARIN STURM

MONTREAL . Erst einmal war Michael Schumacher nicht ansprechbar, sauer auf sich selbst: Der unnötige Fehler, mit dem er in Montreal mögliche zehn Punkte und die WM-Führung weggeworfen hatte, nagte an ihm. Als er Ende der 30. Runde in der Zielkurve in die Mauer knallte, war der Traum vom vierten Kanada-Sieg geplatzt. "Ich habe in der letzten Schikane die Kontrolle über das Auto verloren, weil ich von der Linie abgekommen bin." Doch nachdem er sich für ein paar Minuten zurückgezogen hatte, um sich zu beruhigen, konnte er die Sache locker sehen: "Natürlich werden mir diese Punkte fehlen - aber es gibt keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken - die WM bleibt offen". Vorher schien alles für ihn zu sprechen: Ein Kurs ohne schnelle Kurven, aber mit vielen Schikanen, bei denen es vor allem auf Bremsen und schnelles Beschleunigen ankommt, dann die Trainingsbestzeit, die Führung nach dem "Sieg" im Startsprint zur ersten Kurve . . . So war die Enttäuschung auch bei Ferrari-Rennleiter Jean Todt umso größer: "Aber so etwas passiert auch dem besten Fahrer mal."

Nach der Langeweile von Barcelona konnte sich die Formel 1 diesmal über fehlende Action nicht beklagen: Zahlreiche Unfälle und insgesamt vier Safety-Car-Phasen sorgten bei Temperaturen von 30 Grad auf dem rutschigen Circuit Gilles Villeneuve für fast schon Kanada-übliche Turbulenzen. Es begann gleich am Start mit der Kollision zwischen Trulli, Alesi und Barrichello. An gleicher Stelle wie Schumacher erwischte es zuvor Damon Hill und Ricardo Zonta, danach noch Jacques Villeneuve - den gleich so heftig, daß wieder eine Safety-Car-Phase fällig wurde. Danach noch die Feindberührung David Coulthard - Eddie Irvine, zum Schluß der böse Unfall von Heinz-Harald Frentzen.

Von allem unberührt: Sieger Mika Häkkinen, der seinen Kanada-Fluch abstreifte und seinen ersten Sieg in Montreal herausfuhr, seinen dritten Grand Prix des Jahres gewann: "Das Auto war super. Als ich am Anfang hinter Schumacher lag, hätte ich vielleicht sogar noch schneller fahren können. Aber ich hatte irgendwie das Gefühl, daß da noch irgendwas passiert, bei dem Tempo, das wir vorlegten. Und dann ist Michael prompt ausgerutscht. Ich habe kurz an meinen eigenen Fehler in Imola gedacht . . ." Bisher war Häkkinen bei insgesamt sieben Starts in Montreal sechsmal ausgefallen. Der Finne erzählt: "Hier sind mir immer seltsame Dinge passiert. Letztes Jahr kam ich nicht einmal bis in die erste Kurve, 1994 bin ich mit einem Murmeltier kollidiert, das sich auf die Strecke verirrt hatte."

Eines zeigte Montreal deutlich: Die WM 1999 ist einerseits unglaublich ausgeglichen, andererseits ein reiner Zweikampf. McLaren-Mercedes und Ferrari auf der Teamseite, Häkkinen und Schumacher auf der anderen Seite, sie schenken sich ganz wenig bis nichts. Technisch scheinen die Autos gleichwertig zu sein, mit ganz leichten Vorteilen für die Italiener in langsameren, engen Kurven, die viel Traktion erfordern. Der weitere WM-Verlauf wird auch vom Tempo der jeweiligen Weiterentwicklung abhängen. Häkkinen ist zuversichtlich: "Nachdem unser Auto endlich standfest geworden ist, können wir uns auch richtig darum kümmern, es noch schneller zu machen. Ich weiß, daß dieses Auto noch eine Menge Potential hat." Auch bei Ferrari liegt man nicht auf der faulen Haut, kommen ständige Neuerungen und Verbesserungen: So soll die neue, etwas leichtere und PS-stärkere Motoren-Evolutionsstufe, die in Montreal nur im Qualifikationstraining zum Einsatz kam, in zwei Wochen in Magny Cours schon für renntauglich befunden werden.

Auf der Fahrerseite stehen sich Schumacher und Häkkinen in nichts nach - und gleichzeitig, nimmt man Talent und technische Möglichkeiten zusammen, im Moment weit vor allen anderen. Auch die jeweiligen Teamkollegen können da nicht mithalten. Doch das, was immer als Michael Schumachers Privileg galt, nämlich unter Druck am stärksten zu sein, die Nerven zu behalten und in jeder Situation zurückschlagen zu können, diese Fähigkeit bewies jetzt Häkkinen - nicht zum ersten Mal übrigens, man denke nur an den Nürburgring 1998. Aber weil der Finne kein Freund großer Worte ist, neigen viele Experten dazu, seine Erfolge nur dem Auto zuzuschreiben - , was ihnen bei "Schumi" nicht in den Sinn käme. Daß auch Eddie Irvine vor kurzem tönte, er halte sich für einen besseren Fahrer als Häkkinen, paßt in dieses Bild. Mika selbst stört das offenbar wenig: "Beweisen, wie gut man ist, kann man nur durch Siege. Ich bin noch nie Rennen gefahren, um der Welt zu beweisen, besser als andere zu sein. Ich fahre, weil es mir Spaß macht. Mein Ziel ist es, mein persönliches Optimum zu erreichen." Eines fügte der Finne in Montreal noch hinzu: "Ich freue mich besonders für Mercedes. Nach dem, was in Le Mans passiert ist, ist dieser Sieg hier besonders schön und wichtig."

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