Sport : Schweigen im Walde

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Wolfram Eilenberger über einen neu entdeckten finnischen Skispringer

Skisprungweltcup, Pressekonferenz: Herr Ahonen, sind Sie fit für die Vierschanzentournee? Eine einfache, ja platte Frage mit Millionen möglicher Erwiderungen. Nach fünf langen, höchst angespannten Sekunden der Stille, die dem befragten Champion in anderer Situation locker ausreichen, um aus der Hocke von null auf 100 km/h zu beschleunigen und mit einem entschlossenen Satz 130 Meter tief ins Tal zu stürzen, kommt sie dann: Ahonens Antwort. Einsilbig, fast unhörbar in den Raum gehaucht – und wie immer völlig wertlos. Denn ob der amtierende Tourneesieger „Ja“, „Nein“ oder „Mal sehen“ sagt, scheint nicht zuletzt ihm selbst völlig gleichgültig zu bleiben. Jedes Jahr die gleiche Farce. Der Gute will einfach nicht. Ein Finne eben. Schweigsam. So kennen wir ihn. Und kennen ihn nicht.

Weder seinen Augen noch Ohren vermochte der Kolumnist nämlich zu trauen, als er sich letzten Sommer entspannt durchs finnische Fernsehen zappte und einen gut gelaunten Charmeur im Rennanzug gewahrte, aus dem es nur so heraussprudelte. Hobbys, Familie, Träume, hier und da ein Lachen, der Redeschwall wollte keine Ende nehmen.

Janne, bist du das? Er war es. Mit etlichen Kilo mehr auf den Bäckchen lehnte der Starpilot des Dragster-Teams „Eagle Racing“ an seinem Höllengefährt, schwärmte von dem sagenhaften Beschleunigungsgefühl und dem Adrenalinkick seiner zweiten großen sportlichen Leidenschaft, dem Hochgeschwindigkeitswahnsinn der Dragster-Welt.

Das Befremden war groß. Ihm folgte Unverständnis. Dann Wut. Seit mehr als zehn Jahren Sprungzirkus kein brauchbares Sätzchen von deinen Lippen, zehn Jahre eiskalte Interviewfrustration, verzweifelte Reporter, unterinformierte Leser und dann diese finnische Sommeroffenbarung. Janne, was soll das? Gewiss, verglichen mit dem Sprechverhalten des angestrengt entspannten Zeugmachers Hannawald, der die zeitgemäße Kriegsmetapher schätzt und vorzugsweise „echte Granaten zündet“ und „supergeile Bomben landet“, eignete deinen Schweigeminuten eine gewisse Stilsicherheit.

Nun aber muss Schluss sein mit der öffentlichen Verweigerung. Janne, wir schauen in dein freudlos konzentriertes Gesicht, vernehmen keinen Laut und erwägen seit den jüngsten, für alle natürlich völlig überraschenden Enthüllungen über die wahren Härten eines Springerdaseins nun eine neue Erklärungsmöglichkeit für dein verstocktes Winterwesen: Wäre am Ende der Hunger schuld?

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