Sport : Schweigen wie die Lämmer

In Gelsenkirchen traut sich niemand mehr, etwas zur Suche nach dem neuen Cheftrainer zu sagen

Richard Leipold

Gelsenkirchen. Schalke schweigt und schweigt und schweigt. Der Fußballklub, in dem es oft lauter zugeht als anderswo, lässt in diesen Tagen überhaupt nichts von sich hören. Erst wenn der neue Trainer einen Vertrag unterschrieben habe, werde das Schweigegelübde aufgehoben, verlautet aus der Chefetage. „Solange die Tinte nicht trocken ist, sagen wir kein Wort dazu“, sagt Josef Schnusenberg, der Finanzvorstand des Reviervereins.

Damit die Tinte trocknen kann, müsste allerdings erst einmal jemand den Füllhalter ergreifen, den die Schalker seit Wochen bereit halten, um sich die Unterschrift eines profilierten Fußballlehrers zu sichern. Wer könnte das sein? Die Fußballwelt steht vor einem Rätsel. Seit dem Wochenende gilt Jupp Heynckes als erster Anwärter auf die seit Wochen vakante Stelle. Die wenigen, denen es noch nicht ganz die Sprache verschlagen hat, dementieren, so gut sie können. „Die Verpflichtung von Heynckes war das Gerücht eines lokalen Radiosenders, das wird sie auch bleiben, bis wir zu einer Pressekonferenz einladen“, sagt Andreas Steiniger, der die Marketingabteilung des Klubs leitet. „Ich hoffe, das wird in dieser Woche sein.“ Diese Hoffnung hatte Schalkes Manager Rudi Assauer schon Ende der vergangenen Woche geäußert – wie schon in den drei Wochen zuvor. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass Heynckes nicht präsentiert wird, bevor die Saison der spanischen Primera Division beendet ist.

Athletic Bilbao, der aktuelle Arbeitgeber des 58 Jahre alten Trainers, kämpft als Tabellensechster am letzten Spieltag noch um einen Platz im Uefa-Pokal, muss an diesem Sonntag aber bei Tabellenführer Real Madrid antreten. So wird die Geheimniskrämerei wohl noch ein paar Tage weitergehen. Angeblich wurden Heynckes und Assauer gemeinsam in einem Café in Bilbao gesehen, nachdem die Kandidaten Bert van Marwijk (Feyenoord Rotterdam), Felix Magath (VfB Stuttgart) und Christian Groß (FC Basel) abgesagt hatten.

„Der Trainer, der kommt, stand von Anfang an ganz oben auf der Liste“, sagt Assauer. Insofern spricht vieles für Heynckes. Der Mönchengladbacher, der 1998 mit Real Madrid die Champions League gewonnen hat, war von Anfang an im Gespräch gewesen. Die Schalker hatte zunächst jedoch abgeschreckt, dass Heynckes gleich mit fünf Mitarbeitern, darunter dem in Schalke nicht eben beliebten Walter Junghans als Torwarttrainer, anrücken wollte.

Zumindest ein Platz im engsten Kreis um den neuen Cheftrainer ist wieder frei. Norbert Elgert, Assistent des früheren Cheftrainers Frank Neubarth, übernimmt in der nächsten Saison das Training der Schalker A-Jugend. Diese vordergründig unscheinbare Personalie dürfte die Verpflichtung von Heynckes erheblich erleichtern. Insider sagen, dass Elgert und Heynckes nicht zusammenpassen.

Wie gut aber passt Heynckes zu Schalke? Formal erfüllt der 58-Jährige das Anforderungsprofil des Klubs. Manager Assauer will einen „gestandenen Trainer“, der auf Disziplin achtet. Doch sobald es konkret wird, schweigen die Verantwortlichen, oder sie weichen aus. „Was heißt, Heynckes könnte zu Schalke passen?“, fragt Finanzvorstand Schnusenberg. „Wir brauchen einen guten Trainer, und jeder, der auf unserem Zettel steht, passt.“

Wenn der neue Trainer erst einmal da ist, will auch Rudi Assauer wieder laut werden und die Zeit der Suche „knallhart aufarbeiten“. Denen, die das Suchspiel behindert hätten droht er bereits eine Art verbalen Vergeltungsschlag an: „Der Tag der Abrechnung wird kommen, er ist nicht mehr fern.“

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