Sport : Schwimm-EM: Jörg Hoffmann scheitert, auch an seinem eigenen Mythos

Frank Bachner

Es gibt dieses Bild. Jörg Hoffmann auf seiner Harley, mit Cowboystiefeln und Sonnenbrille, den Körper lässig zurückgelehnt, die Arme ausgestreckt an der hochgezogenen Gabel, irgendwo auf einer Straße, ein Mann auf dem Weg in die Freiheit und Unabhängigkeit. Ein Schwimmer, der immer auch noch dieses Rebellische hat. Easy Rider mit dem Duft von Benzin und Chlorwasser. Er füllte dieses Bild ideal aus. Mit seinem stechendem Blick, seinen mächtigen Muskeln, seinen 1,97 m Körpergröße, kein Wort zu viel, aber jeder gebrummte Satz ein Signal: Respektiere mich. Der Schwimmer Jörg Hoffmann aus Potsdam ist eine Persönlichkeit. Einerseits. Aber er war nie wirklich souverän, wenigstens nicht in der Öffentlichkeit. Der lonesome rider ist eine Persönlichkeit mit beschränkter Haftung.

Er quälte sich im Training wie kaum ein anderer in der Welt. Er "hat null Talent zum Schwimmen", aber er wurde Doppel-Weltmeister über 400 m und 1500 m, er wurde vier mal Europameister über 1500 m. Er kritisierte den Teamkollegen Christian Keller als Weichei und legte sich mit seinem Verband an. Da war er der der Unerschrockene. Er war Hoffmann, die Persönlichkeit.

Aber er kündigte auch x-mal einen Vereinswechsel an, als ihm im Klub alles störte. Doch es blieb ewig lange bei der Ankündigung. Er leugnete sieben Jahre lang seinen Dopingkonsum, obwohl er 1989, zu DDR-Zeiten, Europameister wurde. Später gestand er, er habe nur drei Wochen lang Pillen bekommen. Vermutlich die nächste Lüge. Er schaffte es nicht, mit dem Thema souverän umzugehen.

Jetzt ist Jörg Hoffmann ist bei der Schwimm-EM gescheitert, er nicht mal mehr über seine Spezialstrecke angetreten, die 1500 m. Er wollte nach Sydney und ist grandios untergegangen. Das war vorhersehbar. Denn gescheitert war er ja schon bei den Deutschen Meisterschaften. Hoffmann erreichte keine einzige Sydney-Qualifikationszeit. Aber danach fehlte ihm wieder die Souveränität. Nicht er war schuld an dem Debakel. Der neue Anzug war schuld und der Zeitplan und der Bundestrainer. Und dann redete er von einer Olympiamedaille. Irgendwann war es nur noch peinlich.

Vermutlich hat Hoffmann einfach nicht mehr bemerkt, dass er seinem eigenen Mythos hinterher läuft. Er schwamm zuletzt im Training optimale Zeiten, aber er war nicht mehr der Kämpfer, der mit seinen Gegnern spielt. Der Rebell war müde geworden, schon länger, aber er wollte es nicht wahrhaben. Eigentlich wollte er schon im Frühjahr 1998 sein letztes 1500 m-Rennen bestreiten. Dann wollte er auf die 200 m-Strecke wechseln und nur noch Spaß haben. Es war damals ein kluger Satz. Er musste nichts mehr beweisen. Er hatte schon damals nicht mehr diesen Tunnelblick. Schwimmen und nichts sonst. Er hatte sein Studium, er hatte sein Hausboot, er half einem Obdachlosen zu Job und Wohnung, er hatte zu viele andere Lebensinhalte, um noch ganz der Alte zu sein. Aber das konnte er nicht, einfach nur Spaß haben. Daran hinderte ihn sein Ehrgeiz. Im März gewann er noch die Kurzbahn-WM über 1500 m, aber Kurzbahn? Bitte. Die nahm er nie richtig ernst. "Ich fühle mich nur noch leer", sagte er bei der EM. Jetzt wird er wohl endgültig aufhören.

Er füllte viele Bilder aus. Der große Sportler. Der Rebell. Der Unerschrockene. Aber das letzte Bild bleibt am längsten haften. Es ist das Bild, das er am wenigsten verdient hat, aber das er selber gemalt hat. Hoffmann, der Gescheiterte. Der kläglich Gescheiterte.

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