Sport : Schwips und Schwindel

Spandaus Wasserballer locken erfolgreich neue Zuschauer

Jutta Meier

Berlin. Der Anblick war erregend. Schwindelerregend, im doppelten Sinne. Denn die jungen Tänzerinnen waren nicht nur äußerst spärlich mit Glitzerbikinis bekleidet, sondern tanzten zudem in bedrohlichen Höhen – auf den Sprungtürmen der abgedunkelten Schöneberger Schwimmhalle. Laute Musik und bunte Scheinwerfer taten ein Übriges zur Betörung der Sinne. Unten, nur einen Meter vom Beckenrand entfernt, standen dagegen Tische, die Kerzenscheinromantik vermittelten und an denen Menschen in Abendgarderobe saßen. Mit einem ausgefallenen Rahmenprogramm versucht der Wasserball- Bundesligist Wasserfreunde Spandau 04 neuerdings, Zuschauer zu seinen Heimspielen anzulocken, die sich bisher wenig für Wasserball interessierten.

Mit 800 Zuschauern ist das am Samstagabend schon zum dritten Mal gelungen. Die Spandauer empfingen im Achtelfinale der Euroleague Shturm Moskau, und das Spiel schien sogar die Gäste an den Tischen zu interessieren. Das war nicht immer so. „Bei den ersten Spielen haben die Leute in die eine Richtung geschaut, und der Ball flog in die andere“, sagt „Zwölf Apostel“-Chef Florian Sinnig, der Initiator des Ganzen, „aber heute haben sie richtig mitgefiebert.“ Dass Spandau einen Dreipunktevorsprung in den letzten Minuten durch „dilettantische Fehler“, wie Trainer Peter Röhle sagte, nicht halten konnte und das Spiel schließlich mit einem 11:11-Unentschieden zu Ende ging, störte sie allerdings nicht weiter. Der Abend war zur russischen Nacht erklärt worden. Am Eingang wurde Wodka Lemon gereicht, an den Tischen wurden russische Speisen serviert.

Sinnig ist mit der Entwicklung der Aktion zufrieden. „Ist doch toll, dass jetzt so viele Zuschauer kommen, früher war die Halle fast leer“, sagt er. „Für ein Euroleague-Spiel hatten wir uns zwar ein wenig mehr erhofft“, sagt Sven-Uwe Dettmann, der Manager von Spandau 04. „Aber die Tendenz stimmt.“ Beim ersten Turnier mit neuem Showprogramm, dem Alfred-Balen-Cup Anfang Oktober, standen nur an einer der Beckenlängsseiten Tische, beim Supercup vor drei Wochen und beim Spiel am Samstag schon an beiden Seiten, und „die sind schon vorher ausgebucht“, sagt Dettmann. Vor allem Firmen entdecken die Wasserballabende als Gelegenheit, in angenehmer Atmosphäre über Geschäfte zu plaudern. Ein Unternehmen hat sich nun sogar bereit erklärt, den Klub als Sponsor zu unterstützen.

Die wahren Wasserballfans sitzen aber nach wie vor auf der Tribüne. Sie betrachten die Entwicklung ihrer Sportart skeptisch. „Ich finde das sehr gewöhnungsbedürftig“, sagt Spandau-Fan Christian Pollack. Von der russischen Nacht hat er nichts mitbekommen, und das mit den Tänzerinnen auf den Sprungtürmen und der Modenschau vor dem Spiel, „das ist ein bisschen viel Show“, findet er. „Aber gut, wenn es dem Sport hilft.“ Er war schon zu Hause, als es bei der anschließenden Party mit russischer Band noch hoch herging. Die Tänzerinnen und jede Menge Wodka Lemon sorgten dafür, dass bei vielen der Abend so Schwindel erregend endete. So wie er angefangen hatte.

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