Sechstagerennen : Der Nachwuchs aus Berlin hat es schwer im Bahnradsport

Teurer Sport, zu wenig Trainingsmöglichkeiten - der Bahnradsport in Berlin hat ein Nachwuchsproblem. Aber die Talente, die beim Sechstagerennen auf dem Rad sitzen, tun dies mit Herzblut.

Zu viele Talente bleiben auf der Strecke, sagt Sebastian Wotschke.
Zu viele Talente bleiben auf der Strecke, sagt Sebastian Wotschke.Foto: Imago

Die Bretter, die seine Welt bedeuten, sind steil, sehr steil sogar. Im Winkel von 45 Grad ragen die Kurven auf. Als Sebastian Wotschke mit elf Jahren zum ersten Mal darüberfuhr, hat er sich nichts dabei gedacht. „Zum Glück“, sagt der mittlerweile 22-Jährige, „ wenn ich heute zum ersten Mal auf die Bahn müsste, würde ich mich wahrscheinlich nicht mehr trauen.“ Der Respekt ist erst mit der Zeit gekommen. Und wahrscheinlich ist das ein Teil des Erfolgsgeheimnisses: Es braucht eine gehörige Portion Verrücktheit, um sich auf den Bahnradsport einzulassen.

Wotschke fährt in diesem Jahr zum dritten Mal beim Berliner Sechstagerennen mit, zum zweiten Mal mit seinem gleichaltrigen Teampartner Hans Pirius. Pirius stammt aus seiner Radsportfamilie: „Mein Opa war schon Weltmeister“, sagt er. Es klingt nicht stolz, sondern wie: Mein Opa war im Krieg. Es klingt so, als gäbe es keine Alternative zum Bahnradsport.

2011 sind die beiden Berliner zusammengewürfelt worden, wie sie selbst sagen. Bei zahlreichen Rennen sind sie gemeinsam auf dem Treppchen gelandet. Für sie ist das Sechstagerennen einer der Höhepunkte im Jahr: „Nach meinem Bronzegewinn bei der Bahn-EM 2014 ist das für mich das größte Gefühl, hier zu starten“, sagt Wotschke. „Ja, wenn’s voll ist, ist’s schön“, sagt Pirius, „dann fliegt man fast über die Bretter und merkt die Schmerzen auf dem Rad gar nicht mehr.“

Wotschke hat schon als Kind beim Sechstagerennen mitgefiebert, während sich die meisten seiner Mitschüler überhaupt nicht dafür interessiert hätten. „Für die war das nur irgendeine Veranstaltung, zu der die eh nie hingegangen sind.“ Damals ist er noch im Velodrom auf Autogrammjagd gegangen. Seine Idole waren die Schweizer Franco Marvulli und Bruno Risi sowie der Potsdamer Robert Bartko. Ausgerechnet Bartko, der die Berliner Nachwuchsarbeit vor dem diesjährigen Start hart kritisiert hatte.

"Wenn ich meinen Rennstall nicht hätte, könnte ich mir den Sport nicht leisten"

Viele Talente blieben auf der Strecke, weil es ein teurer Sport sei, sagt Wotschke: „Das Rad, das ganze Material kostet ja alles Geld.“ Wotschke, der gelernte Groß- und Einzelhandelskaufmann, lebt für seinen Sport, trainiert fünfmal in der Woche. „Wenn ich meinen Rennstall nicht hätte, könnte ich mir den Sport nicht leisten.“ Als das 104. Sechstagerennen beworben wurde, saß er beim Fototermin auf dem Fahrrad, hinter ihm stand Jens Voigt und stützte ihn. Beide grinsten in die Kamera. Der ehemalige schob den jungen Radprofi an – das Bild sollte zeigen, dass man verstärkt auf den Nachwuchs setzt, nachdem mehrere Publikumslieblinge aufgehört hatten oder verletzt ausgefallen waren. „Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht“, sagte Sixdays-Geschäftsführer Reiner Schnorfeil.

„Wir sollen doch nur die Lücken auffüllen für das fehlende Showprogramm nach dem Gema-Streit“, sagt Laura Waskowski. Die Berlinerin ist die jüngste Teilnehmerin beim Sechstagerennen. Waskowski wurde in dem Jahr geboren, als das Rennen erstmals im neuerbauten Velodrom startete – 1997. Vor vier Jahren hat sie erst mit dem Radsport begonnen, zwei Jahre später war sie Deutsche Meisterin im Zeitfahren. Im vergangenen Jahr startete sie mit einer Sondergenehmigung bei den Profis im Velodrom, obwohl sie noch bei den Juniorinnen hätte starten können.

Das Berliner Sechstagerennen ist für sie „die Zeit im Jahr, in der Radsport geehrt wird und wir endlich einen Teil der Aufmerksamkeit bekommen, den wir verdienen.“ Waskowski kann sich noch gut an den ersten Start im vergangenen Jahr erinnern: „Als ich realisiert habe, dass ich da auf der Bahn stehe, mein Name aufgerufen wird und die Zuschauer applaudieren – das war das krasseste Erlebnis meiner bisherigen sportlichen Laufbahn.“ Talent sei wichtig, das Wichtigste sei es aber, den richtigen Trainer zu haben, eine Trainingsgruppe zu finden, in der es Lust macht zu fahren – und natürlich Erfolg: „Ohne den würde ich das nicht machen.“ Dafür trainiert sie fünf Stunden täglich, fünfmal in der Woche: „Man muss den Sport lieben und etwas verrückt sein.“ Sie habe das Glück, Eltern zu haben, die sie finanziell unterstützen könnten. Es sei aber schwierig in Berlin mit den Trainingsbedingungen. „In Württemberg gibt es ein Mädchenteam, hier in Berlin bin ich die Einzige.“

Rund 80 Jugendliche gibt es im Berliner Radsport

Während inmitten des Holzovals noch die Tische des Vip-Bereichs vor dem Start des zweiten Renntages gedeckt werden, schwitzt eine Etage tiefer die nächste Generation Bahnradfahrer. Rund 40 Jungen sitzen im Untergeschoss des Velodroms auf ihren Rädern, die auf sogenannten Warmmachrollen lagern. Nur das monotone Surren der Räder ist hier unten zu hören. Um nach oben zu kommen, muss man lange treten. An diesem Nachmittag haben sie die Bahn nutzen können, was nicht oft vorkommt. Denn den Berliner Radrennfahrern stehen im Jahr nur 100 Trainingstage im Velodrom zu. „Im Sommer haben wir andere Möglichkeiten draußen“, sagt Dieter Stein, Landesverbandstrainer und Sportlicher Leiter beim Sechstagerennen, „aber gerade jetzt im Winter brauchen wir es.“ Da konkurrieren die Radsportler hier mit Veranstaltungen wie dem „Fest der Besten“ – einer Volksmusikshow.

Union verliert mit 1:2 gegen Ingolstadt

Eisbären verlieren - bleiben aber vorn

HSV nach Niederlage gegen Mönchengladbach auf Abstiegskurs

Dimitrij Ovtcharov erklimmt Gipfel der Tischtennis-Welt

Nationalmannschaft wird bei Moskau wohnen

Rund 80 Jugendliche gibt es im Berliner Radsport. Und gerade ihretwegen habe sich Stein über die Kritik von Bartko geärgert, „weil er diese Jungs, die zu ihm aufschauen, damit vor den Kopf stößt. Früher sind wir vielleicht fünfmal im Jahr Deutscher Meister geworden, jetzt werden wir ein- oder zweimal Deutscher Meister, aber wir holen noch Meistertitel“, sagt er, besser, er schreit es. Ansonsten wäre er kaum zu verstehen, denn Sprinter Maximilian Levy versucht den Rundenrekord zu brechen. Der gebürtiger Berliner ist einer der verbliebenen Lokalmatadore. Die Halle ist voll, die Zuschauer klatschen, sie johlen, als er mit gesenktem Kopf und 70 Stundenkilometern in die Kurve schießt, über diese Bretter, die auch seine Welt bedeuten. Die Zukunft wird den Verrückten gehören.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar