Seit zwei Jahren ohne Trainerjob : Peter Neururers Kampf gegen die innere Leere

Peter Neururer könnte sich eigentlich zur Ruhe setzen. Schafft er aber nicht. Eine Reportage über einen, der nicht vom Profifußball loskommt.

Nils Bastek, dpa
Sport treiben gegen die Langeweile. Zweimal in der Woche fährt Peter Neururer zum Zirekltraining ins Fitnessstudio.
Sport treiben gegen die Langeweile. Zweimal in der Woche fährt Peter Neururer zum Zirekltraining ins Fitnessstudio.Foto: dpa/Vennenbernd

Kurz nach dem Aufstehen geht Peter Neururer in die Küche seines Hauses in Gelsenkirchen und ist irritiert. Er stellt fest, dass etwas nicht wie immer ist: Es sind keine Apfelsinen da. „Da dreh' ich am Rad!“, ruft Neururer, der kurzzeitig ziemlich aufgebracht ist. Seine Frau Antje sagt: „Hast du nicht alle aufm Zaun? Worüber reden wir hier eigentlich?!“. Neururer muss über sich selbst lachen.

Seit fast 30 Jahren, fast so lange wie Peter Neururer sein Geld als Fußballtrainer verdient, geben Rituale seinem Leben eine Struktur. Am dringendsten benötigt er sie in solchen Phasen wie jetzt, wo er ohne Trainerjob ist. Jeden Morgen bekommt er von seiner Frau genau eine Tasse Kaffee, etwas Frühstück und ein Glas mit 0,3 Litern frisch gepresstem Orangensaft. „Das muss so sein“, sagt er. Am Vortag war Antje aber leicht erkältet und konnte keine Apfelsinen kaufen.

„Als Fußballer hast du so verschiedene Rituale. Wenn ich jetzt den ganzen Tag zu Hause bin, will ich die gleichen Rituale auch bei uns zu Hause haben“, sagt Neururer. Seit der Trennung vom VfL Bochum vor fast zwei Jahren ist er ohne Anstellung im Profifußball. Neururer war unter anderem Trainer vom 1. FC Köln, Hannover 96 oder FC Schalke 04, in mehr als 200 Bundesligaspielen stand er an der Seitenlinie. Er ist glücklich verheiratet, seine Kinder sind gesund, er hat Autos und auch sonst viel Geld. Darum geht es ihm längst nicht mehr.

Er fährt mit seinem dunklen Geländewagen zum Fitnessstudio in der Nähe. Der Wagen ist relativ neu, auf seinem Kennzeichen hat er sich die Zahl 15 eingravieren lassen: „Weil ich auf die 15. Station im Profifußball warte.“ Im Sommer 2012 war er auf seinem Stamm-Golfplatz mit einem Herzinfarkt zusammengeklappt, zu der Zeit war er dreieinhalb Jahre ohne Trainerjob. „Wenn ich im Amt gewesen wäre, wäre mir das nicht passiert“, sagt er. Ins Fitnessstudio geht er seitdem auch, um fit zu bleiben, aber vielmehr, um eine weitere Beschäftigung zu haben. Zweimal Zirkeltraining pro Woche sind zwei Stunden weniger, in denen er sich über fehlende Apfelsinen aufregen muss.

Neururer ist 61 Jahre alt und er führt mal wieder einen Kampf um die Rückkehr auf die Trainerbank, um Anerkennung, Aufmerksamkeit und gegen die innere Leere. „Mir fehlt eine Aufgabe, mir fehlt es, im Profibereich gefragt zu sein“, sagt er. „Ich liebe den Profibereich.“ Dass diese Liebe vielleicht nie mehr erwidert werden könnte, hat ihn schon vor rund vier Jahren einmal krank gemacht. Nach seinem Herzinfarkt hatte ihn 2013 etwas überraschend der VfL Bochum noch mal verpflichtet. Jetzt stellt sich für ihn die Frage, ob er sich noch einmal selbst helfen kann, indem ein Klub seine Hilfe benötigt.

Nach rund 30 Minuten lockerem Training an mehreren Geräten und auf dem Ergometer geht Neururer zu seiner Trinkflasche. Außer ihm sind fast nur Rentner im Raum. In einem großen Getränkehalter sind die Flaschen der Trainierenden in Kreisform angeordnet. Damit es nicht zu Verwechslungen kommt, stehen Namen wie „Werner“ oder „Wolfgang“ auf den Plastikflaschen. Auf Peter Neururers Flasche steht in Krakelschrift mit schwarzem Filzstift: Trainer.

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