Sergej Litwinow : Aus dem Ring des Vertrauens

Er ist derzeit der beständigste Hammerwerfer in Europa: Warum der Weltklasse-Werfer Sergej Litwinow trotzdem nicht mehr im deutschen Kader steht.

von
Dreht sich um sich selbst. Sergej Litwinow hat noch Kraft für weite Würfe, aber keine Geduld mehr für Deutschland.
Dreht sich um sich selbst. Sergej Litwinow hat noch Kraft für weite Würfe, aber keine Geduld mehr für Deutschland.Foto: p-a/dpa

Berlin – Michael Deyhle hatte gestern noch mal seine Gruppe in Frankfurt am Main versammelt: Abschlusstraining vor der Abreise. Er hätte auch gerne Sergej Litwinow beobachtet. Deyhle ist nicht nur Bundestrainer der deutschen Hammerwerfer, sondern auch Litwinows Heimtrainer. Und der ist derzeit der beständigste Hammerwerfer in Europa, die Saisonbestweite des Deutschen Meisters liegt bei 78,98 Meter. Deshalb sollte der 24-Jährige am Wochenende in Bergen, Norwegen, bei der Team-EM für Deutschland im Ring rotieren.

Macht er aber nicht, am Montag teilte er dies dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) mit. Der hat ihn umgehend aus dem Kader geworfen. Prämien, Förderung – alles gestrichen. Markus Esser aus Leverkusen springt für ihn ein.

Was steckt hinter dieser mysteriösen Geschichte? Litwinow sagte der „Frankfurter Rundschau“: „Man hat mir eine Pistole an den Kopf gehalten. Aber ich lasse mich nicht bedrängen.“ Ach was, erwidert Deyhle, „das Problem ist er selbst. Er hat den letzten Schritt nicht gemacht, in Deutschland anzukommen.“

Litwinow ist in Weißrussland geboren, er kam vor ein paar Jahren nach Deutschland, besitzt nun auch den deutschen Pass. Aber er trainiert im Winter in Russland, bei seinem Vater, der 1988 für die UdSSR Olympiagold gewann. Das verursachte verbandsintern zwar Unruhe, wurde aber gleichwohl toleriert.

Litwinows Frau lebt weiter in Minsk, und Deyhle gegenüber beklagte er sich, er fühle sich in Frankfurt wie ein Fremdkörper, man tue zu wenig für ihn. Und jetzt, sagt Deyhle, habe der 24-Jährige verlangt, „dass er die ganze Zeit bei seinem Vater trainieren darf und nur bei Wettkämpfen für Deutschland startet“.

Das widerspricht den DLV-Regeln. Aber es geht auch um Menschliches. Er soll Vertrauen enttäuscht haben. Das von Deyhle zum Beispiel. „Wir haben alles gemacht, damit er sich wohlfühlt.“ Man habe ihm in „Windeseile“ eine Wohnung besorgt, damit Sportsoldat Litwinow nicht mehr in der Kaserne in Mainz wohnen müsse. Für den Umzug seiner Frau aus Minsk sei alles vorbereitet worden. Vor allem aber: Von Herbst an hätte Litwinow zweimal ganz offiziell acht Wochen bei seinem Vater ein Trainingslager absolvieren können. „Das sind Zugeständnisse, die ich fast nicht für möglich gehalten hätte“, sagt Deyhle. Auch die Dopingkontrollen wurden organisiert. Bislang wurde Litwinow nur unzureichend kontrolliert.

Für Deyhle sind Litwinows Gründe „vorgeschoben“. Er hält den Vater des WM-Fünften für eine zentrale, fast unheilvolle Figur in dieser Geschichte. „Sergej liebt seinen Vater. Er will ihm helfen.“ Sergej Litwinow senior hat eine heikle Vergangenheit. Er betreute Tatjana Lysenko, frühere Weltrekordlerin, und Iwan Tichon aus Weißrussland, Olympiadritter von 2008. Lysenko verbüßte bis 2009 eine zweijährige Dopingsperre, Tichon musste seine Medaille wegen erhöhter Testosteronwerte wieder abgeben. Vor wenigen Tagen allerdings erhielt Tichon seine Medaille zurück. Nicht wegen nachträglich erwiesener Unschuld, sondern wegen eines Formfehlers. Auch der weißrussische Hammerwerfer Wadim Demjatowski bekam seine olympische Silbermedaille zurück. Die hatte man ihm abgenommen, weil auch seine Probe positiv war.

Wenn sich Litwinow junior, Tichon und Demjatowski zu einer Trainingsgruppe zusammenfinden, sagt Deyhle, „bekommt sein Vater eine enorme Macht im weißrussischen Verband“. Den Vater aufwerten, das sei der eigentliche Grund für Litwinows Entscheidung, vermutet Deyhle. Wie es mit dem 24-Jährigen weitergeht, ist unklar. Sein Vertrag mit der Bundeswehr läuft bis Jahresende, die Sportförderkompanie muss er sofort verlassen.

Sollte er zu Weißrussland oder gar Russland wechseln, wie auch spekuliert wird, wird er gesperrt. Drei Jahre, lautet die Regel. Aber ab wann wird gezählt? Ab dem letzten Einsatz im DLV-Trikot? Dann wäre er für die Olympia 2012 startberechtigt. Der DLV könnte auch anders rechnen: mit einer Sperre über 2012 hinaus. Deyhle ist nur eins klar: „Ich werde Sergej nicht mehr trainieren. Wer so Loyalität vermissen lässt, mit dem arbeite ich nicht mehr.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben