Sport : Sie schwimmt davon

Sandra Völker hat mit Coach Dirk Lange 60 internationale Medaillen gewonnen – jetzt verlässt sie ihn und geht zu einem Trainer-Neuling

Frank Bachner

Berlin. Dirk Lange stemmte seine Unterarme auf den Tisch. Er kaute Kaugummi und hatte seinen typisch fixierenden Blick drauf. Aber es war für ihn ein angenehmes Gespräch. Es ging um sein Lieblingsthema: Dirk Lange, der Schwimm-Trainer. Besser gesagt, aus Langes Sicht: um Dirk Lange, den Star-Trainer. „Ich arbeite jetzt zwar seit vielen Jahren mit Sandra, aber ich kann sagen, dass noch in jedem Jahr neue Reize gesetzt wurden und sie sich noch in jedem Jahr verbessert hat“, sagte er. Das war im Mai, bei den Deutschen Schwimm-Meisterschaften in Hamburg, und irgendwie muss der Trainer Lange aus Hamburg damals seine aktuelle Bedeutung überschätzt haben.

Denn Sandra Völker, unter Lange zu 42 Deutschen Meistertiteln und 60 internationalen Medaillen gekommen, muss schon damals die neuen Reize und die entscheidenden Verbesserungen vermisst haben. Jetzt jedenfalls gab sie völlig überraschend bekannt, dass sie Lange verlassen und sich stattdessen einem Trainer-Neuling zuwenden werde: Jirka Letzin wird in Leipzig ab September die Schimmerin betreuen, die 1996 Olympia-Zweite über 100 m Freistil wurde. Ausgerechnet Letzin, der vor zwei Jahren noch selber schwamm und seither nur Talente betreut.

Aber für Völker sind Letzins Methoden „einmalig und zukunftsweisend“. Das teilte sie in einer Pressemitteilung mit. Letzin, 32, Neunter über 400 m Lagen bei den Olympischen Spielen 2000, vermittle „die aktuellsten professionellenTrainingsinhalte und unterschiedlichste neue Aspekte“. Lange, bedeutet das im Umkehrschluss, kann das nach Völkers Ansicht nicht mehr. Er kann ihr damit nicht mehr helfen, ihren Traum zu verwirklichen: Olympia-Gold in Athen 2004. Das fehlt in der Medaillensammlung der 29-Jährigen.

Probleme zwischen Lange und Völker gab es öfter. Vor allem, nachdem Lange nach mehrjähriger Liebesbeziehung nicht mehr den Freund von Sandra Völker war, sondern nur noch der Trainer. Aber irgendwie gehörten die beiden doch zusammen wie Pech und Schwefel, jedenfalls für Außenstehende.

Aber schon in der Vorbereitung auf die WM in Barcelona kam Sandra Völker zu Ralf Beckmann und teilte dem deutschen Chef-Trainer ihre Gedanken an eine Abkehr von Lange mit – höchst vertraulich. „Sie stagniert ja im Grunde genommen seit Sydney 2000, wenn auch auf hohem Niveau“, sagt Beckmann. Bei der WM 2003 erreichte Völker nur zwei fünfte Plätze in Einzel-Rennen (50 m Freistil/50 m Rücken). Nur mit der 4-x-100-m-Freistil-Staffel kam die 29-Jährige zu einer Silber-Medaille.

Für Beckmann ist der Wechsel durchaus „ein Risiko, aber er bietet auch Chancen. Und für Jirka ist er eine Herausforderung“. Sicher, der frühere Lagen-Spezialist ist ein Trainer-Neuling, „aber ich hatte ihn schon länger auf der Liste von Leuten, die mal ins Traineramt auf höherem Niveau wachsen“. Und außerdem: „Sandra ist so erfahren, die wird wesentliche Trainingsinhalte mitbestimmen.“ Aber, naja, „dass sie überhaupt zu Jirka wechselt, kam schon überraschend“.

Eigentlich sollte Letzin ja nach Hamburg zu Völker gehen. „Aber das geht nicht. Sandra will wohl Dirk nicht mehr in ihrer Nähe haben“, sagt Beckmann. Für Lange jedenfalls kam der Wechsel offenbar völlig überraschend. „Das ist ein schwerer persönlicher Schlag: das Ende eines Lebensabschnitts“, sagte er dem Sportinformationsdienst. Aber Völker sei „mit dem Umfeld in Hamburg immer unzufriedener geworden“. Zu viele kreischende Kinder im Kraftraum zum Beispiel hätten die Schwimmerin genervt.

In Leipzig soll es anders sein. Dort wird Letzin sich nur um sie kümmern. Außerdem arbeiten dort sehr gute Leistungsdiagnostiker. Und finanziell gibt es für Völker ohnehin keine Einbußen. Ihr Privatsponsor überweist weiterhin die gewohnte Summe. Nur Olympia-Gold kann ihr keiner garantieren.

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