Sport : Siegen mit Ansage

Heinz Wewering ist zurück in Deutschland – und startet heute in Mariendorf

Katja Reimann

Berlin - Es ist keine erstklassige Startposition für die Nummer zehn, nicht weit vorne, sondern in der zweiten Reihe, außen. Doch der Mann im blau-weißen Jockeyblouson, der hinter der braunen Stute Celestial Dreams im Sulky sitzt, wirkt entspannt. Er startet, bleibt hinten, schiebt sich vorsichtig ins Mittelfeld, steuert spät nach außen – und zieht auf den letzten zweihundert Metern schnell an allen übrigen Gespannen vorbei ins Ziel. Es ist Heinz Wewering, der „Mann mit dem Goldhelm“ und Held des deutschen Trabrennsports seit nunmehr 34 Jahren, der am Freitagabend das Finale der Breeders Crown in Mariendorf gewinnt. Und sich im Ziel so ehrlich freut, als hätte er nicht schon über 16 000 Siege gefeiert und nicht rund 50 000 Trabrennen in den immerhin 58 Jahre alten Knochen.

Eine Stunde zuvor, in der Meldestelle der Trabrennbahn, lehnt Wewering, mit Helm und Schutzbrille, entspannt am Schreibtisch. „Heute werde ich sie alle von hinten einsammeln“, prophezeit er da und grinst. Die Kollegen lächeln müde. Ein Scherz vom weltweit erfolgreichsten Trabrennfahrer – für die Konkurrenz klingt so etwas eher wie eine Drohung. Schließlich sind sie alle an diesem Wochenende nach Mariendorf gekommen, um zu gewinnen. Denn nach dem Deutschen Derby ist die Breeders Crown das wichtigste Rennen im Jahr. Stuten und Hengste laufen hier getrennt, was sonst nicht üblich ist. Und die Pferde sind mit fünf bis sieben Jahren relativ alt. Rund 87 000 Euro Prämie teilen sich Sieger und Platzierte im finalen Rennen der Stuten am Freitag – für die heute (ab 13 Uhr) startenden Hengste und Wallache ist es noch einmal so viel. Es ist ein internationales Starterfeld, mit vielen guten Pferden und Fahrern. Und auch hier ist Wewering wieder dabei.

Der gebürtige Westfale sitzt heute im Hauptrennen hinter dem – neben Favorit Unforgettable durchaus nicht chancenlosen – Sir Karan. Unter anderem. Denn Wewerings Pensum als Fahrer ist beachtlich. Fünf Rennen fährt er am Freitag, drei davon direkt nacheinander. Die Pferde kennt er vorher nicht. Und Zeit, um sich aneinander zu gewöhnen, bleibt höchstens beim „Heat fahren“. So nennen die Trabrennfahrer das Aufwärmen auf der 1200 Meter langen Sandbahn. Dieser kurze Eindruck, zusammen mit Tipps vom Trainer des Pferdes, müssen zur Vorbereitung reichen.

Doch Wewering, der 29-malige deutsche Traber-Champion und zweifache Weltmeister, weiß: „Eine Taktik sollte man nicht unbedingt festlegen.“ Weil es im Rennen sowieso oft anders kommt als geplant. Ganz wie im echten Leben – auch dem des Heinz Wewering. Viele Millionen verdiente er einst mit dem Trabrennsport, bis er mit den deutschen Steuerbehörden aneinander geriet. Im Oktober 2006 gab Wewering sein Gestüt in Castrop-Rauxel auf und zog nach Rom. Über ein Jahr lang trainierte er dort, bis ihn ein Angebot des Hamburger Rennstalls von Vizeeuropameisterin Marion Jauss im Februar 2008 zurück nach Deutschland lockte. Und auch wieder nach Mariendorf, auf die Bahn, die er so lange kennt.

Der Berliner Standort sei sehr wichtig für den Sport, erklärt Wewering. Ein Sport, dem es in Deutschland seit etwa zehn Jahren nicht mehr besonders gut geht. Weil das Wettgeschäft eingebrochen ist und weil inzwischen auch der Fahrer-Nachwuchs fehlt. „Ich hoffe, dass der Trabrennsport nochmal die Kurve kriegt“, sagt er. Vielleicht durch mehr Außenwettstellen, wie in Schweden. Dort würden fast 90 Prozent des Wettumsatzes nicht an der Rennbahn, sondern in Wettbüros im ganzen Land verdient.

Doch Wewering denkt stets positiv – was den Trabrennsport in Deutschland angeht, und auch die eigene Karriere. Denn aufhören will er noch lange nicht. Lieber aus der zweiten Reihe öfter mal wieder ganz nach vorne fahren.

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