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Silber für Hambüchen und Nguyen : Mit Flügeln über Reck und Barren

Silberner Tag für Deutschlands Turner: Fabian Hambüchen verpasst nur ganz knapp den Olympiasieg, Marcel Nguyen wird Zweiter am Barren. Damit ist das Abschneiden des deutschen Turn-Teams besser als in Peking 2008.

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Mit Kraft und Eleganz. Fabian Hambüchen an seinem Lieblingsgerät, dem Reck. Foto: AFP
Mit Kraft und Eleganz. Fabian Hambüchen an seinem Lieblingsgerät, dem Reck.Foto: AFP

Die Anspannung war Fabian Hambüchen anzusehen an einem zuckenden Mundwinkel, einem zwinkernden Auge und an seiner blassen Gesichtsfarbe. Doch als er wieder vom Reck gelandet war, schrie er diese ganze Anspannung heraus. Das Publikum forderte er mit rudernden Armen auf, mit ihm zu feiern. Hambüchen hatte eine grandiose Reckübung geturnt. Nur der Niederländer Epke Zonderland turnte noch besser. So wurde es nach Bronze in Peking vor vier Jahren nun die Silbermedaille für Fabian Hambüchen am Königsgerät. Es war nicht die einzige Glanzleistung der deutschen Turner am Dienstag. Zuvor hatte Marcel Nguyen am Barren ebenfalls Silber gewonnen.

In Peking noch hatte sich Hambüchen den Druck gemacht, Gold gewinnen zu müssen. Damals war er in der Lage, die schwierigste Übung der Welt zu turnen und konnte so nur an der Ausführung scheitern. Diesmal machte sich Hambüchen weniger Druck, aber offenbar immer noch genug. „Ich bin mit der Einstellung reingegangen, dass ich die perfekte Übung zeigen will“, sagte der 24-Jährige und war hinterher sehr glücklich: „Von der Ausführung her war es meine beste Übung. Ich habe alles auf den Punkt gebracht, es ging nicht besser.“

Was das Publikum nach Hambüchen zu erwarten hatte, kündigte ein Transparent an, das Fans über die Balustrade gehängt hatten: „FLY, EPKE, FLY“. Epke Zonderland zeigte gleich drei Flugelemente schwindelfrei nacheinander. Die Zuschauer hatte er damit sofort erobert, die Wertung der Kampfrichter aber auch. 7,9 war der Schwierigkeitsgrad seiner Übung, noch einmal vier Zehntel höher als Hambüchens Übung, der ihm sofort gratulierte. So kam Zonderland auf eine Wertung von 16,533, Hambüchen auf 16,400. „Bei der Show, die Epke heute abgezogen hat, ist er der verdiente Olympiasieger“, sagte Hambüchen, „ich gönne ihm das wirklich.“ Er hätte sich am Tag zuvor überlegt, den Ausgangswert seiner Übung von 7,5 auf 7,7 zu erhöhen. Doch Hambüchen entschied sich dagegen. „Das sieht nichts aus, das wäre kleines Turnen.“ Er turne lieber seine gewohnte Übung und die dafür richtig. Das hat er geschafft und über seine neue Medaille gesagt: „Eigentlich ist ein WM-Titel der größere Erfolg, aber Olympische Spiele bedeuten mehr, deshalb steht diese Medaille jetzt bei mir auf Nummer eins.“
Hambüchens Reckerfolg war schon die zweite glückliche Beziehungsgeschichte zwischen einem deutschen Turner und seinem Lieblingsgerät an diesem Tag.

Bildergalerie: Alle deutschen Medaillengewinner:

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1 von 5Foto: dapd
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Marcel Nguyen musste in seine Beziehung zum Barren zwar erst ganz schön viel Arbeit investieren, aber im Laufe der Jahre sind große Gefühle dazugekommen. Am Dienstag feierten sie Silbernes. „Barren war früher nicht so mein Ding. Ich habe lieber Trampolin geturnt, aber mit der Zeit ging es immer besser“, erzählte Nguyen. Jetzt passen sie bestens zusammen. Als Mehrkämpfer hatte sich Nguyen genauso gut in London geschlagen und auch eine Silbermedaille gewonnen.

Sein erstes Silber gab ihm noch mehr Gelassenheit, von der Nguyen ohnehin viel besitzt. „Ich dachte, nach der ersten Medaille ist mir keiner böse, wenn ich jetzt Blödsinn mache. Ich bin einfach überglücklich, das ist viel mehr, als ich erwartet hatte“, sagte der 24-Jährige. Vor seiner Übung, als 15 000 Zuschauer in der North Greenwich Arena klatschten und johlten, flog Nguyen in Gedanken nochmal weit weg. „Ich habe mir wieder gesagt: Mach es wie zu Hause. Da habe ich mir vor meiner Übung kurz meine Halle vorgestellt und dann ging es los.“ Er turnte nach dem Chinesen Feng Zhe die zweitschwierigste Übung und bekam für die Ausführung am meisten Punkte. Feng Zhe erhielt 15,966 als Gesamtpunktzahl, Nguyen 15,800. Am Barren fühlt sich Nguyen so wohl, dass er sich jedes Mal nur mit einem besonders schweren Abgang von ihm lösen kann. Einem Tsukahara: Doppelsalto rückwärts mit ganzer Schraube. Den turnt sonst niemand am Barren. Und dank seines Talents hat er ihn sich in einer Woche angeeignet.

Nach seiner Übung hatte Nguyen schon ein gutes Gefühl. Er verließ nämlich, während seine Konkurrenten noch turnten, erst einmal den Innenraum. „Ich habe noch meine Schuhe für die Siegerehrung geholt. Die hatte ich ganz vergessen. Und ohne Schuhe hätte es vielleicht ein wenig Ärger wegen des Sponsorings gegeben“, sagte Nguyen. „Die Medaille gibt jetzt hoffentlich auch Fabian Flügel“, sagte Waleri Belenki, Nguyens Trainer. Fabian Hambüchen flog dann tatsächlich so schön übers Reck wie wohl noch nie zuvor.

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