Skateboard- und BMX-Weltcup : Fliegen für die Freiheit

Der coole Kampf gegen die Schwerkraft: Die internationale Skateboard- und BMX-Szene zelebriert beim Weltcup in Berlin ein Lebensgefühl.

Matthias Bossaller
Ganz schön abgehoben. Im Velodrom begeistern die Skateboarder das Publikum mit waghalsigen Aktionen.
Ganz schön abgehoben. Im Velodrom begeistern die Skateboarder das Publikum mit waghalsigen Aktionen.Foto: dapd

Berlin - Ein konzentrierter Blick in den Abgrund, der Fuß tippt nervös auf das Board, ein kurzer Anlauf, dann stürzt er sich vier Meter fast senkrecht in die Tiefe. So schnell, wie ihn die Schwerkraft nach unten zieht, so rasant drückt ihn der Schwung in der Halfpipe nach oben. Der Skateboarder fliegt mit dem Gesicht zur Rampe zwei Meter in die Höhe, hält das Brett mit einer Hand fest umklammert, dreht sich anderthalb Mal um die eigene Achse und taucht gezielt wieder in das Halbrund ein. Das ist der „FiveFourty“, der 540-Grad-Sprung – es ist Jürgen Horrwarths Lieblingstrick.

Mit diesem wagemutigen „Ride“, wie es Skateboarder nennen, begeistert Horrwarth beim Weltcup der internationalen Skateboard- und BMX-Szene das heimische Publikum im Berliner Velodrom. 5000 meist jugendliche Fans sind ins weite Rund gekommen, um ihn und die Stars aus den USA, Brasilien oder Australien in Aktion zu erleben. Und sie werden nicht enttäuscht: Die Artisten, sei es nun auf Rollen oder auf Rädern, zeigen waghalsige Sprünge und technische Raffinesse.

Horrwarth fährt bis ins Finale der Halfpipe-Konkurrenz und belegt am Ende den dritten Platz. „Das ist ein sehr gutes Resultat für mich zwischen all diesen Topfahrern“, sagt der Berliner, der sich in der Runde zuvor im „Head-to-Head“-Modus gegen den Australier Renton Millar behauptete. „Renton ist mein bester Kumpel“, erzählt Horrwarth. Der professionellen Skaterszene ist der Konkurrenzgedanke fremd. Die Szene ist vielmehr ein großes Netzwerk von Leuten, welche die gleiche Lebenseinstellung teilen. „Wir streben nach Unabhängigkeit und Freiheit, wir sind gesellschaftskritisch und wollen uns nichts vorschreiben lassen“, sagt der 33-Jährige. „Du bist dein eigener Herr, du kannst machen, was du willst.“

Horrwarth ist einer der wenigen deutschen Skate-Profis – das bedeutet nicht nur Spaß, sondern auch harte Arbeit. Horrwarth trainiert viel. Andere Fahrer sprechen ungern davon, denn trainieren klingt nach Pflicht. „Ich muss skaten, auch wenn ich nicht will, um mein Niveau zu halten. Für die Sponsoren muss ich lachen, auch wenn ich nicht will“, sagt er, „manchmal ist es schwer, den Freiheitsgedanken wiederzufinden.“

Für solche Reflexionen sind die Besucher im Velodrom an diesem Abend nicht empfänglich. Sie wollen wie bei einem Rockkonzert den Alltag hinter sich lassen. Wenn die Fahrer durch die Halfpipe brettern, werden sie von hartem Gitarrensound begleitet. „Die Symbiose Actionsport und Punkrock gibt es seit 20 Jahren. Die Kids, die hierherkommen, wollen beide Komponenten“, sagt Lars-Oliver Vogt, der die „Extreme Playgrounds“-Serie das vierte Jahr in Berlin veranstaltet.

Nächstes Jahr will Vogt den einzigen in Deutschland stattfindenden Skateboard-Weltcup früher austragen. Einige der Topfahrer halten sich im Dezember lieber in Australien auf als im frostigen Berlin. Jürgen Horrwarth ist die Jahreszeit egal, er wird auch im kommenden Jahr wieder auf der Rampe stehen und in den Abgrund blicken.

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