Ski alpin : Die Angst fährt mit

Kampf um die Gesundheit der Sportler: Die alpinen Cheftrainer schließen ein Zweckbündnis, um die Skirennfahrer besser zu schützen.

Frank Bachner
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Schussfahrt aufs Podest. Maria Riesch fuhr in St. Moritz auf Platz drei. -Foto: AFP

Berlin - Die Sonne schien, die Piste war präpariert, die Sicht ausgezeichnet, alles ideal also. Atle Skardaal hatte gestern nicht viel zu tun, die Weltcup-Abfahrt der Damen in St. Moritz lief problemlos, Maria Riesch aus Garmisch-Partenkirchen fuhr auf Platz drei, die Schwedin Anja Pärson siegte, Routine im Weltcup-Zirkus also. Skardaal ist der Renndirektor des Weltverbands Fis, er entscheidet über die Absage eines Rennens, er ist ein mächtiger Mann.

Ein bisschen zu mächtig finden allerdings diverse Cheftrainer. Und deshalb wird in St. Moritz hinter den Kulissen diskutiert. Zehn Cheftrainer aus zehn Nationen mit dem Fis-Renndirektor. „Wir wollen, dass wir uns besser zur Wehr setzen können“, sagt Matthias Berthold, der Chefcoach der deutschen Frauen. Diese Linie haben sie zuvor in einer internen Sitzung festgelegt.

St. Moritz war gestern kein Problem, aber es gab auch Aspen am vergangenen Wochenende – und das war ein großes Problem. In Aspen hatte Skardaal die Damen-Abfahrt nicht abgesagt. In Aspen lag Neuschnee auf der Piste, Nebelschwaden waberten über dem Boden, man konnte keine Wellen sehen. Oben saßen die Läuferinnen in einem Restaurant und warteten auf die Absage. Aber Skardaal ließ starten. Er brach erst ab, nachdem die Österreicherin Alexandra Meissnitzer mit einer Gehirnerschütterung und die Französin Anne-Sophie Barthet mit einer Luxation der Kniescheibe auf der Piste gelegen hatten und andere Fahrerinnen mit reduzierter Geschwindigkeit ins Ziel gefahren waren. „Hier wurde mit Menschenleben gespielt, das war eines der beängstigenden Rennen überhaupt“, sagte die mehrfache Weltmeisterin Anja Pärson. Und Österreichs Cheftrainer Roman Kneisl tobte wegen Skardaal.

Zehn Cheftrainer gegen einen Renndirektor, im Kampf um die Gesundheit ihrer Sportler, im Kampf um die Frage, wann ein Rennen ausfallen muss. So sieht die Debatte in St. Moritz aus. In Wirklichkeit ist alles komplizierter. Die Cheftrainer wollen vage mehr Mitspracherecht, das schon, aber wie das aussehen soll, sagt Berthold nicht. Er sagt deutlich, dass keine einheitliche Front gegen Skardaal auftritt, sondern dass zehn Einzelkämpfer einer Art Zweckbündnis gegründet haben. „Da verfolgt jeder seine nationalen Interessen, da kann es letztlich keine große Gemeinsamkeit geben.“

Und deshalb wird dieses Problem erst mal nicht gelöst. Es wird weiter Rennen geben, die unter grenzwertigen Bedingungen stattfinden. Die Österreicher haben Fahrerinnen nach den Stürzen zurückgezogen? „Die haben leicht reden“, sagt Berthold. Denn als Kneisl einen Rennabbruch gefordert habe, hätten bereits Marlies Schild Platz zwei und Renate Götschl Platz drei belegt. Bei so einem Resultat, sagt Berthold, ist es leicht, von einem irregulären Rennen zu reden.

Natürlich ist er in erster Linie um die Gesundheit seiner Athletinnen besorgt. Aber Berthold ist in ein Gesamtsystem eingepresst, in dem auch die Trainer anderer Teams stecken. Es geht um Sponsoren, um den Druck des Fernsehens, um die Ansprüche der Fans. Es geht darum, dass vielen Menschen etwas geboten werden soll, vor allem aber, dass Skirennen gerade durch ihre extreme Gefährlichkeit, durch 60, 70 Meter weite Sprünge und Geschwindigkeiten bis zu 140 Stundenkilometern so reizvoll für die Zuschauer sind. Der Voyeurismus ist Teil des Geschäftsmodells. „Man kann uns schon als Gladiatoren bezeichnen“, sagte der frühere deutsche Spitzenabfahrer Max Rauffer. „Brot und Spiele“, nennt das Hubert Hoerterer, der langjährige Mannschaftsarzt der deutschen Ski-Nationalmannschaft.

Aber eine Lösung des Problems, wann genau Sicherheit über allem steht, die darf man auch in St. Moritz nicht erwarten. „Wenn sich die Cheftrainer mal wirklich einig sein sollten“, sagt Berthold, „dann sind die Bedingungen wirklich so katastrophal, dass die Fis schon von selber absagt.“

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