Sport : Sohn der Nation

Jan Ullrich ist ein deutscher Held, doch auf großen Bühnen wirkt er oft verletzbar – für ihn liegt das Glück allein auf der Straße

Mathias Klappenbach

In drei Wochen könnte er mal wieder als Erster in Paris ankommen. Schließlich ist er jetzt erwachsen geworden.

Jan Ullrich hat vor einem Jahr endgültig bewiesen, dass er mit Problemen auch alleine fertig werden kann. Er kämpfte, ganz für sich allein, und wurde nach einer dramatischen Tour de France Zweiter hinter Lance Armstrong. Wieder einmal Zweiter. Diesmal war es eine Überraschung. Denn im Sommer davor war für den großen Helden, der zugleich auch immer das größte Sorgenkind der Sportnation war, alles zusammengebrochen.

Jan Ullrich musste abtauchen, sich wochenlang in Kanada verstecken. Zuvor hatte der sommersprossige, zurückhaltende junge Mann eine Pressekonferenz gegeben, auf der er wie auf einer Bergetappe im Hochgebirge schwitzte. Der am Knie verletzte und zutiefst frustrierte Ullrich war bei einer Dopingprobe positiv getestet worden. Weil er in einer Disco eine Pille genommen hatte. Ecstasy. Natürlich nur dieses eine Mal. Deutschlands Sportidol hatte ein Problem, das viele Eltern aus dem Alltag mit ihren pubertierenden Kindern kennen. Ullrichs Ersatzfamilie, das Team Telekom, schützte den Lieblingssohn zunächst und half ihm bei der Flucht. Später warf es ihn raus. Seinem Arbeitgeber, der Ullrich in den Jahren zuvor gehätschelt hatte, war der Held zu hart auf den Boden der Realität geknallt.

Dabei war Ullrich seinen Fans nie weit entrückt. Seine sportlichen Qualen sind auch am Fernseher für jeden nachvollziehbar, jeder Tritt in die Pedale bringt ein paar Meter Raumgewinn, jede Attacke verzerrt die groß eingeblendeten Gesichtszüge ein Stückchen dramatischer. Wo könnte man besser mitleiden, wo ist unsere komplizierte Welt weiter heruntergebrochen als bei dem archaischen Mann-gegen-Mann-Theater Tour de France? Jan Ullrich verrichtet vor den Augen von Millionen Menschen ein schweres Tagwerk, und am nächsten Morgen muss er früh aufstehen, weil die Plackerei wieder von vorne losgeht. Nirgendwo anders als auf dem langen Weg zu den Berggipfeln finden sich mehr Metaphern für das Leben. Die letzten Helden unserer Gesellschaft kommen aus der Welt des Sports, Protagonisten aus Politik oder Wissenschaft sind im Fernsehen viel schwerer zu vermitteln.

Stärkere Bilder als die des sich quälenden Radprofis sind für das Fernsehen schwer zu finden. Der ewige Formel-1- Weltmeister Michael Schumacher hat einen Helm mit dunklem Visier auf, wenn er sein technisches Wunderwerk Ferrari immer wieder im Kreis herumfahren lässt. Und Franziska van Almsick hebt nur nach ihrer letzten Bahn den Kopf aus dem Wasser, um auf die elektronische Anzeigetafel zu schauen.

Jan Ullrich ist zu unvorstellbaren sportlichen Darbietungen imstande, die Medien können viele positive Eigenschaften in ihn projizieren und den dann kompletten Helden als Vorbild für alle verkaufen. Doch Ullrich hat sich nie für diese Vorgänge interessiert, und das merkt man ihm an. Er gibt Interviews, weil er sie geben muss. Auch die Ehrungen, bei denen dem Helden gehuldigt wird, gehören zum Pflichtprogramm. Trotz seines Lächelns steht er auf Bühnen oft ungelenk herum, für den beteiligten Zuschauer wirkt er dann wie ein Unbeteiligter.

Sein Glück liegt auf der Straße, im Ziel einer langen Etappe. Seine Fans verstehen das und mögen ihn dafür umso mehr. Der nette, manchmal spröde und doch warmherzig wirkende Junge ist in der Star- und Medienwelt nie so richtig angekommen. In den Nobeldiscos hat er sich nur rumgetrieben, weil er wegen seiner Verletzung nicht trainieren konnte. Jan Ullrich hat seine Jugend auf dem Fahrrad verbracht, um seine vielen Adoptiveltern heute vor den Bildschirmen begeistern zu können. Und er war lange Zeit ein bockiges Kind. Als sein damaliger Teamkollege Jens Heppner bei der Tour 1997 nach einer Etappe im Klassement zurückgestuft wurde, hat er darüber nachgedacht, aus Protest nicht weiterzufahren. Er ließ es und gewann, „die anderen hätten sich ja nur kaputtgelacht“. Als der „Spiegel“ 1999 unbewiesene Dopingvorwürfe veröffentlichte, musste Ullrich lange überredet werden, seine Karriere nicht schon mit 25 Jahren vorzeitig zu beenden.

Sein Mannschaftskamerad Rolf Aldag nennt Jan Ullrich einen einfachen Menschen – und meint das als Kompliment. Ullrich hat genau dieselben Sorgen wie viele andere auch. Jedes Jahr Übergewicht nach Weihnachten, weil er sich nicht an die Ernährungsvorgaben halten kann und will. Das Kind lernt es einfach nicht. Er hat Schwierigkeiten, die Pfunde wieder abzutrainieren. Da ist sein anfälliges Immunsystem, Erkältungen werfen ihn immer wieder zurück. Und er macht durchschnittliche, für einen Helden langweilige Fehler.

Einen Monat, bevor er in einer Disco die Pille genommen hatte, war er aus einer anderen betrunken herausgekommen und hatte mit 1,4 Promille und seinem Auto einen Fahrradständer demoliert. Jeder kennt jemanden, dem so etwas schon passiert ist. Boris Becker hat in Sekunden ein Kind mit einer ihm unbekannten Frau in einer Wäschekammer gezeugt. So jemanden kennt kaum einer.

Jan Ullrich wurden Fehlbarkeiten verziehen. Nach den Problemen aus dem Jahr 2002 fand er zu seiner Lebensgefährtin zurück und wurde passend zum Tourstart 2003 Vater. Die Kinder sind erst dann erwachsen, wenn sie selbst Kinder haben. Der Sohn der Nation ist trotz aller medialen Überhöhung immer menschlich geblieben. Er kämpft tapfer gegen seine Jedermann-Probleme. Und gegen die Mensch-Maschine Lance Armstrong, gegen die jede Niederlage ein Sieg für die Authentizität des nicht sehr weit entrückten Helden Jan Ullrich ist.

Er zog aus, das Leben zu lernen, und hat wieder nach Hause gefunden. Ullrich beginnt seine in der vergangenen Woche erschienene Biografie mit der Pressekonferenz nach der Ecstasy-Pille. Dem Tag, an dem er erwachsen wurde. Er schreibt, dass er lieber fünfmal hintereinander auf den Gipfel des Tourmalet fahren würde, als diesen Tag wieder zu erleben.

Was passiert eigentlich, wenn er in drei Wochen wirklich gewinnt und alles in Ordnung ist? So ganz will man seine Kinder ja doch nicht gehen lassen.

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